| 22. April 2026 | Zurück zur Artikelübersicht » |

Braucht nun ein glückliches Händchen und viel Fingerspitzengefühl: Thomas Laßeur ist selbst gespannt, wie er den Geistenbecker Handball durch noch unbekannte Gewässer steuern kann. (Foto: Thomas Schmidt)
Sie sahen dann keinen anderen Weg mehr. Weil ihnen ein Ende mit Schrecken in diesem Fall lieber ist als ein Schrecken ohne Ende – was wohl ohne diesen drastischen Schritt so eingetreten wäre. Seit Kurzem steht jedenfalls ein Entschluss fest, der nicht nur den Verein trifft, sondern letztlich auch den Handball am gesamten Niederrhein: Der TV Geistenbeck, in der Serie 2024/2025 noch Vizemeister mit 44:8 Punkten hinter dem Meister und Aufsteiger Borussia Mönchengladbach (49:3) und in diesem Zusammenhang an zwei tollen Derbys beteiligt (27:28/24:29), zieht seine erste Mannschaft aus der Oberliga zurück – nur ein Jahr nach der bisher erfolgreichsten Saison in der Vereinsgeschichte. Der letztlich entscheidende Punkt: Es wird bald kein konkurrenzfähiges Personal mehr an Bord sein. Was sich bereits vor einiger Zeit angedeutete hatte, konnte selbst der über zahlreiche Kontakte in der Szene verfügende Trainer Thomas Laßeur irgendwann nicht mehr auffangen oder zumindest abmildern. „Wir haben keinen Knies in der Mannschaft und es hat auch nichts mit den Finanzen zu tun“, sagt Laßeur, der gleichzeitig Vorstandsmitglied ist und dort den Titel „Sportwart“ trägt – was eine Position ist, die sie in vielen anderen Klubs heutzutage lieber mit dem vermeintlich moderneren/fortschrittlicheren Titel „Sportlicher Leiter“ versehen. In der offiziellen Erklärung des TV Geistenbeck liest sich die entsprechende Passage so: „Diese Entwicklung ist sportlich bedauerlich, da sich der finanziell gesunde und strukturell gut aufgestellte Verein die Zugehörigkeit zur Oberliga hart erarbeitet hat. Dennoch ist der Rückzug aus Sicht der Verantwortlichen ein notwendiger Schritt, um den Verein langfristig stabil aufzustellen. Ab der Saison 2026/2027 wird die 1. Mannschaft in der Verbandsliga antreten.“ Damit das alles trotz erheblicher Schmerzen irgendwie halbwegs reibungslos über die Bühne gehen kann, haben die Geistenbecker erstens beizeiten Kontakt mit dem Verband Nordrhein aufgenommen und zweitens – was eine bemerkenswerte Vorgehensweise ist – die Klubs aus dem Tabellenkeller über ihren Schritt informiert. „So fair wollten wir sein“, betont Laßeur. Gleichzeitig gibt er zu, dass der TVG mindestens zum Teil ein Opfer seines eigenen Handelns ist: „Es sind die Sünden der Vergangenheit.“ Gemeint ist, dass der Verein „seit Jahren keine eigene Jugendarbeit mehr betreibt und daher stark von externen Zugängen abhängig ist.“
Geistenbeck wird seinen Rückzug nicht mit sofortiger Wirkung vollziehen, sondern erst nach dem letzten Meisterschafts-Spieltag der laufenden Saison am 16. Mai gegen den aktuell auf dem zweiten Platz liegenden Regionalliga-Absteiger TuSEM Essen II – aber vor dem Ablauf der Meldefrist für die Saison 2026/2027. Abschnitt 9.1.b. der Durchführungsbestimmungen sind in Bezug auf die Folgen eindeutig: „Mannschaften, die sich in der Zeit zwischen letztem Meisterschaftsspieltag und Meldetermin zurückziehen, werden auf die abzusteigenden Mannschaften der gerade abgelaufenen Spielsaison angerechnet.“ Das heißt, dass der als aktueller Zehnter bei 17:25 Punkten außerhalb jeder Abstiegsgefahr in der Gruppe 2 der Oberliga liegende TVG in gut einem Monat automatisch ans Ende der Tabelle gesetzt wird und damit als erster Absteiger gilt. Daraus ergeben sich für manchen gerade gefährdeten Klub durchaus spannende Perspektiven – und vor allem jene des aktuellen Schlusslichts MTG Horst Essen ist geradezu abenteuerlich. Die Essener, die nach 22 Spielen bei 0:44 Punkten stehen und vermutlich bis zum Schluss keinen Punkt holen, hätten theoretisch wie aus dem Nichts eine Chance auf den Klassenerhalt. Dazu müsste es „nur“ – was momentan der Fall ist und höchstwahrscheinlich so bleibt – zwei Absteiger aus der Regionalliga in die Oberliga geben, aus deren drei Gruppen in diesem Fall eben nicht insgesamt sechs, sondern bloß fünf Teams absteigen. Das bestimmt Punkt 1.3.4. in der Anlage 1 der Durchführungsbestimmungen: „Bei fünf Absteigern steigen jeweils die Gruppenletzten in die Verbandsliga ab, die Gruppen-Vorletzten spielen Absteiger 4 und 5 aus.“ Ob das aus der Sicht der MTG irgendeine Form von Sinn ergäbe, ist eine ganz eigene Frage. Für andere ist dagegen der Geistenbecker Rückzug eine Art Erlösung – selbst für den auf Rang 13 bisher in höchster Gefahr schwebenden Vorletzten HG Remscheid. Gerettet werden durch den Ausstieg des TVG nicht nur der Elfte HSV Überruhr (14:30 Punkte) und der Zwölfte TSV Aufderhöhe (12:32), sondern gleichfalls die bei 8:36 Zählern stehenden Remscheider. Sie könnten jetzt alle vier Restspiele verlieren und wären bei hinzukommenden und maximal unrealistischen vier Siegen der Essener ebenfalls bei 8:44 Punkten. Dann wäre der für solche Konstellationen entscheidende direkte Vergleich auf der Seite der HGR, die zwei ihrer vier Siege gegen die MTG Horst erzielte (46:22 in Essen, 38:27 in Remscheid).
Es war eine vielleicht länger im Verborgenen lauernde Kettenreaktion, die den Geistenbeckern in der Summe zum Verhängnis wurde. Nach dem Ende der vergangenen Saison 2025/2026 hatten bereits drei zum Stammkader gehörende Spieler den Klub aus beruflichen Gründen verlassen. Außerem kündigten damals weitere Spieler an, aus privaten und/oder beruflichen Gründen nach dem Ende der Serie 2025/2026 nicht mehr zur Verfügung zu stehen. Am Anfang des Jahres folgten in dieser Spirale weitere Spieler mit der Ankündigung, dass sie sich aus verschiedenen Gründen verändern werden – zum Beispiel durch den Wechsel in höhere Spielklassen oder umzugsbedingt. „Dadurch wurde es zunehmend schwieriger, einen konkurrenzfähigen Oberliga-Kader zusammenzustellen“, sagt der TVG-Vorstand, „sowohl in der Breite als auch in der Qualität entstand eine immer größere Lücke.“ Die in internen Gesprächen aus der Mannschaft angebrachte Kritik der fehlenden weiteren Perspektive für die Oberliga konnte der Verein dabei sehr gut verstehen – ohne ein Mittel zum Gegensteuern auf den Tisch legen zu können und dem einen oder anderen aus dem Kreis der Führungsspieler/tragenden Säulen im Team eine feste Zusage zum Weitermachen abzuringen. Im Februar stand schließlich nicht nur für Thomas Laßeur fest: „Das kriegen wir nicht mehr eingefangen.“ Was die ohnehin maximal komplizierte Suche nach neuen Leuten aus der Sicht der TVG-Verantwortlichen zusätzlich erschwerte, war die Einteilung der einst aus zwei und vor zwei Jahren zur Saison 2024/2025 auf drei Gruppen ausgeweiteten Oberliga: „Nach einer Saison mit Spielen im Raum Köln, Aachen und Bonn führte der Spielbetrieb zuletzt vor allem ins Bergische Land und in den Kreis Essen. Dadurch fehlten lokale Derbys sowie die Präsenz im gewohnten Umfeld der Kreise Grenzland und Krefeld.“ Darüber hinaus seien zwar Gespräche mit anderen Vereinen über Kooperationen oder sogar Fusionen geführt worden, aber in erster Linie aus zeitlichen Gründen nicht rechtzeitig genug umzusetzen gewesen.
Thomas Laßeur, der ein Handball-Verrückter und seit einer halben Ewigkeit für den TV Geistenbeck unterwegs ist, blutet das Herz – weil den Geistenbeckern jetzt verloren geht, was sie über die vergangenen Jahren an Erfolgen aufgebaut haben. Und natürlich schwirrte in seinem Kopf auch der Gedanke herum, vielleicht in die zweite Reihe zurückzutreten. Das klang zunächst so: „Ich hätte auch Lust, was anderes zu machen.“ Doch die Idee hielt nicht so besonders lange und Laßeur hätte kaum mit einem guten Gefühl in dieser für viele ziemlich traurigen Situation seinen Abschied einreichen können. Damit lag schnell auf der Hand, wie es laufen würde. „Ich bin bei dem Umbruch dabei“, erklärt Geistenbecks Coach, für den viele Dinge noch im Unklaren liegen. Zu hundert Prozent sicher ist er sich allerdings, dass sich die Aufgabe nur mit vollem Einsatz und maximaler Leidenschaft überhaupt bewältigen lässt: „Das wird eine Challenge.“ Es geht schlicht darum, für die Verbandsliga eine neue Mannschaft aufzustellen, die eine spannende Mixtur sein dürfte – vor allen Dingen aus den bleibenden Spielern der ersten Mannschaft und solchen, die bisher in der zweiten Mannschaft in der Regions-Oberliga (früher Bezirksliga) das Geistenbecker Trikot trugen beziehungsweise gerade immer noch tragen. Eine dritte Mannschaft (zurzeit gibt es eine in der 2. Regionsklasse) wird für 2026/2027 nicht mehr gemeldet und die künftige Zweite soll in 2. oder 3. Regionsklasse am Spielbetrieb teilnehmen. Konkrete Ziele können sie sich dabei erst einmal nicht vornehmen – weil erst festgezurrt sein muss, wer den veränderten Weg mitzugehen bereit ist. Und natürlich hofft nicht zuletzt der Trainer Laßeur, der die Umgestaltung mit unveränderter Intensität und Leidenschaft begleiten will, dass der eine oder andere Eckpfeiler aus dem bisherigen Oberliga-Kader für die Verbandsliga an Bord bleibt. Mit dem Blick auf den Rest der laufenden Serie legt der Coach im Übrigen für alle Spieler trotz des erklärten Rückzugs seine Hand ins Feuer: „Wir wollen in den Spiegel sehen können. Wir ziehen das voll durch.“ Das blieb offensichtlich nicht nur ein Lippenbekenntnis.
Die zu Ende gehende Serie war für die Geistenbecker nach der Vizemeisterschaft von 2024/2025 bis vor Kurzem eher hartes Brot. Für Laßeur stand/steht der Hauptgrund fest: „Wir hatten ein Riesen-Verletzungspech.“ Irgendwie beinahe passend: Das ursprünglich für den 11. April vorgesehene Heimspiel gegen den Ohligser TV musste ausfallen, weil Wasser nach Regenfällen durch die offensichtlich nicht (mehr) dichte Hallendecke aufs Spielfeld getropft war. Als Nachholtermin steht mittlerweile der 29. April fest. Antreten konnte der zuvor mit übersichtlichen 15:25 Punkten ausgestattete TVG jetzt allerdings am vergangenen Freitag gegen den bis dahin auf Platz fünf geführten Bergischen HC II (29:15 Punkte/jetzt Sechster) und er sicherte sich einen 34:29 (15:13)-Erfolg. Einen Baustein dazu steuerte das Comeback von Nico Reinarz bei, der nach einer sieben Wochen dauernden Verletzungspause auf sechs Treffer kam. Ein anderer war die starke Vorstellung von Kapitän Vincent Schimanski, der nach dem 25:25 (49.), als die Partie beiden Teams im Endspurt viele Chancen ließ, mit dem 27:25 (51.), 29:25 (52.) und 30:25 (53.) alleine drei seiner insgesamt elf Tore erzielte und mit dem 31:26 (55.) auch den entscheidenden Treffer setzte. Ebenfalls nicht unerheblich: Kreisläufer Marvin Lüttke steuerte vier Treffer bei. Warum das so spannend ist? Erstens lässt sich daraus ablesen, dass wirklich alle Geistenbecker bis zum Ende der Saison die volle Hingabe und die Liebe zum Handball auf die Platte bringen – unabhängig von dem, was in der Zukunft passieren mag. Und zweitens gehören Vincent Schimanski, und Marvin Lüttke, die Freunde „Vino“ und „KT“ nennen dürfen, zum Aufgebot des Teams Niederrhein für unser Allstar Game am 31. Mai in der Sporthalle Krefelder-Straße in Duisburg-Rheinhausen gegen das Team Mittelrhein. Wir haben offensichtlich die richtigen Typen ausgesucht/gefunden – was sogar fast eine Tradition zu sein scheint. Am 12. Januar 2024 stand TVG-Torhüter Florian Nordmann für die Harzhelden-Mannschaft im Allstar Game in Dormagen gegen den Zweitligisten TSV Bayer zwischen den Pfosten und am 17. Mai 2025 war Nico Reinartz in Solingen für den Niederrhein gegen den Mittelrhein mit von der Partie. Elf Tore von Schimanski gegen den BHC, sechs von Reinartz, vier von Lüttke – da konnte sich auch der Torhüter nicht raushalten: Nordmanns Wurf zum 33:26 (58.) landete im hier gerade verwaisten Kasten der Gäste. In der Summe der vier Spieler waren es dann 22 Treffer. Und so tritt insgesamt bestimmt keine Mannschaft auf, die einen Haken hinter die Saison gemacht hat. Die Vollbremsung ist damit zwar nicht weniger schmerzhaft, aber womöglich verliert das Ende wenigstens ein bisschen von seinem Schrecken bei der Erinnerung an das gemeinsam Erreichte.