| 02. Mai 2026 | Zurück zur Artikelübersicht » |

Heimatverbunden: Michael Hegemann kennt das Ruhrgebiet wie seine Westentasche. (Foto: Thomas Ellmann)
Irgendwie hat er ja einen Heimvorteil. Er kennt die Gegend, er kennt die Menschen, er kennt den Handball dort. Kurz zusammengefasst: Michael Hegemann ist im Ruhrgebiet zu Hause. Er ist geboren in Bottrop-Kirchhellen, er lebt in Gladbeck und er hat dort eine ganz besonders enge Verbindung zum VfL – seinem Heimatverein, wo er bereits als 17-Jähriger den Sprung in die erste Mannschaft schaffte (damals Verbandsliga) und von dort aus seinen Weg in den größeren Handball fand. Legendenstatus erlangte Hege dann vor allen Dingen im Jahr 2007 mit der deutschen Nationalmannschaft, die seinerzeit unter der Regie von Heiner Brand als Trainer im eigenen Land den Titel des Weltmeisters holte – mit einem 29:24 am 4. Februar in der tobenden Kölnarena, die heute Lanxess Arena heißt und seit jenen Tagen des Wintermärchens als eine Art Handball-Tempel gilt. Ist es ein Makel, dass Michael Hegemann damals kein einziges Turnierspiel bestritt? Sicher nicht. Er trug auf seine besondere Weise zum Triumph bei – als Teamplayer, als Mitspieler durch mindestens hundert Prozent im Training, als einer, auf den sich spielende Kollegen und Trainerstab jederzeit blind verlassen konnten. Was nun perfekt in diesen Zusammenhang passt: Hege, dem der große Rummel nicht besonders liegt und der ihm auch nicht wichtig ist, stand und steht mit beiden Beinen auf dem Boden, sein Herz schlägt für die Basis. Was für uns nicht gar so selbstverständlich war, für ihn selbst aber völlig logisch: Er hat sofort zugesagt, beim Allstar Game am 31. Mai die Rolle des „Cheftrainers“ zu übernehmen. Und das mit dem Chef ist wieder so eine Sache: Hege braucht dieses Etikett nicht und er sieht seinen „Co-Trainer“ Mirko Szymanowicz vom Oberligisten HSG VeRuKa als gleichberechtigten Mitstreiter. Durch Mirko wird im Übrigen der Heimvorteil komplett: Er hat schließlich einst sogar für den OSC Rheinhausen gespielt.
Bei seinem Heimatverein fiel Michael Hegemann durch überragende Leistungen unter anderem Bob Hanning auf, der heute Geschäftsführer der Füchse Berlin, auch als Trainer der Nationalmannschaft Italiens unterwegs ist und damals für die einstige SG Solingen als Chefcoach in der 2. Bundesliga verantwortlich war. Hannings Urteil aus dem Jahr 2001 über den Rückraumspieler erwies sich bald als zutreffend: Heges Karriere nahm Fahrt auf und er konnte sich in der Bundesliga etablieren – immer ausgestattet mit dem festen Willen, an sich zu arbeiten und das Beste aus seinen Möglichkeiten zu machen. Bis 2001 blieb Hegemann in Solingen, ehe als weitere Spieler-Stationen die HSG Düsseldorf (bis 2005), der VfL Gummersbach (bis 2006), der TBV Lemgo (bis 2008), GWD Minden (bis 2009), erneut die HSG Düsseldorf (bis 2012) und der Bergische HC (bis 2014) folgten. Danach kehrte Michael Hegemann ins Ruhrgebiet zurück – um seiner Karriere bei TuSEM Essen ein langes und intensives Kapitel hinzuzufügen. Bis 2017 blieb er voll auf der Platte aktiv, war als Kapitän eine echte Führungsfigur und anschließend als spielender Co-Trainer eine Art „Notfall“-Versicherung für den Verein. In den Jahren 2020/2021 (1. Bundesliga) und 2021/2022 (2. Bundesliga) war Hege die rechte Hand von Jamal Naji, der bald zum Bergischen HC wechselte – und fast logisch übernahm Hege nun als Naji-Nachfolger seine erste Stelle als Cheftrainer. Zwei Jahre später kam in Essen die Trennung, weil beide Seiten unterschiedliche Ideen von der künftigen Ausrichtung verfolgten. Zurück blieb kein Zorn, sondern in erster Linie Dankbarkeit und Respekt für die gemeinsame gute Zeit – und das Bewusstsein, trotzdem den richtigen Schritt getan zu haben. Es ist eines der Markenzeichen von Michael Hegemann: Wer ihn hat oder holt, kann/muss damit rechnen, dass er vor allem sich selbst treu bleibt und sich zu nichts verbiegen lässt, was ihn nicht auf Dauer überzeugt.
Nicht lange nach der Bekanntgabe der „Scheidung“ zum Sommer 2024 stand im Zweitligisten ASV Hamm-Westfalen die nächste Etappe in Hegemanns Handballer-Leben fest. Die neue Ehe, die vielleicht als Liebesheirat gedacht war, hielt allerdings nicht mal bis zum Ende der Serie 2024/2025. In diesem Zusammenhang war dann der 16. Mai 2025 ein besonderes Erlebnis: Die in großer Abstiegsgefahr steckenden Hammer verloren beim VfL Eintracht Hagen mit 21:26 und anschließend setzte der Verein seinem Trainer weniger als 24 Stunden nach der Schluss-Sirene tatsächlich den Stuhl vor die Tür. Interessant eins: Den Klassenerhalt schaffte der ASV, der als Vorletzter ins Ziel kam, in den letzten drei Spielen trotzdem nicht. Interessant zwei: Den Klassenerhalt schaffte dagegen mit nur einem Punkt mehr? TuSEM Essen. Interessant drei: Beim ASV Hamm-Westfalen steht inzwischen (seit November 2025) Hegemanns ehemaliger dienstlicher Vorgesetzter Jamal Naji an der Seitenlinie. Interessant vier: Auch der unfreiwillige Abschied aus Hamm hat bei Michael Hegemann jedenfalls keine tieferen Wunden hinterlassen. Umso mehr weiß es Hege allerdings zu schätzen, dass er bei aller Liebe für den Handball nicht alles nur auf diese eine Karte gesetzt hat: „Ich bin davon nicht komplett abhängig.“ Das Lehren, die Weitergabe von Wissen und besonders die Entwicklung von Kindern bestimmen im Hauptberuf die Zeit von Michael Hegemann, der als Klassenlehrer an einer Essener Grundschule mit derselben Leidenschaft und demselben Engagement zur Sache geht. Das Kollegium der Adolf-Reichwein-Schule in Essen-Altenessen wird es bestätigen. Im Schulprogramm stehen „Lernen, Entdecken, Begreifen, Entfalten der Persönlichkeit, Natur erleben, Spielen, Reden, Anstrengen, Miteinander fröhlich sein.“ Da steckt viel drin, was Hegemann ausmacht.

Passt: Michaek Hegemann macht auch im Trikot fürs Allstar Game eine gute Figur. (Foto: MH)
Das Aus beim ASV Hamm-Westfalen war für Hegemann natürlich kein Abschied für immer vom Handball und vermutlich wäre er über kurz oder lang auch wieder bei einem Klub aus dem Profibereich untergekommen. Beobachtet hat er den „Markt“ natürlich – und letztlich doch ein ganz besonderes Angebot angenommen, weil er genau dieser Verlockung nicht widerstehen konnte. Kurz vor Weihnachten 2025 einigte sich Hege mit seinem Heimatverein VfL Gladbeck auf eine Zusammenarbeit mit dem Beginn der Saison 2026/2027. Die einen sehen das mit Recht als Glücksgriff, der „Neue“ an der Seite als das genau richtige Projekt zum richtigen Zeitpunkt und die Rückkehr zu einer alten Liebe, wo er noch viele Freundschaften pflegt: „Die emotionale Bindung ist schon was Besonderes.“ Klar ist, dass Hegemann den VfL nicht übernimmt, um dort irgendwie durch eine Saison zu schwimmen, sondern um den Klub in der Region insgesamt zu entwickeln – wobei sein Name vermutlich nicht hinderlich sein wird. „Der Verein hat echte Ambitionen. Ziel ist es, die 3. Liga zu erreichen“, sagt Hegemann, dem sie es voll zutrauen, auch und gerade Talente aus der Gegend von Gladbeck zu überzeugen und dort zu entwickeln. Dabei weiß Hege zwar, dass er in der Regionalliga nicht dieselben Maßstäbe anlegen kann wie im Profibereich, aber ein paar Basis-Elemente sieht er als verpflichtend an: „Die 4. Liga ist auch leistungsbezogen. Wir werden vier Mal pro Woche trainieren. Und ich bin überzeugt davon, dass harte Arbeit belohnt wird.“ Im Moment genießt Hegemann noch die relative handballerische Ruhe, obwohl er natürlich längst an den Planungen für die nächste Serie beteiligt ist, in die der VfL Gladbeck als Vizemeister hinter den bereits als Aufsteiger in die 3. Liga feststehenden Sportfreunden Loxten gehen wird. Der wichtigste Termin für die kommenden Wochen ist zunächst allerdings der 31. Mai um 16 Uhr in der Sporthalle an der Krefelder Straße in Rheinhausen. „Ich freue mich drauf“, sagt Hegemann. Und wir sagen: Danke, dass du dabei bist.