| 09. Mai 2026 | Zurück zur Artikelübersicht » |

Entspannt: Für Dustin (links) und Denis Seidler ist das Schiedsrichter-Dasein manchmal auch mit Stress verbunden, aber ansonsten eher Lust als Last. (Foto: Thomas Schmidt)
Sie kennen uns, wir kennen sie, der Handball kennt sie. Gleichzeitig klettern Denis und Dustin Seidler nicht nur in der Hierarchie der Schiedsrichter immer weiter nach oben: Weil sie mittlerweile deutschlandweit unterwegs sind, können die meisten in den Hallen schon viel mehr mit ihren Gesichtern anfangen als früher. Worauf sich bestimmt alle einigen können: Das sind die pfeifenden Brüder aus Solingen. Was das Ganze ein bisschen schwieriger macht: Wer sich nicht ganz genau informiert und dann nicht auch besonders gut hinschaut, kann sie einfach nicht auseinanderhalten beziehungsweise nur mit Detailwissen. Das ging den Beteiligten unter anderem so am 13. Dezember 2025 in der Zweitliga-Partie zwischen dem HC Oppenweiler/Backnang in der Nähe von Stuttgart oder beim vielleicht verrücktesten Einsatz am 22. März 2025 in der 2. Bundesliga der Frauen. Damals mussten Seidler/Seidler mehr als 500 Kilometer anreisen, um in der viertgrößten Stadt Bayerns die Partie zwischen dem ESV Regensburg und dem Bergischen HC (29:26) zu pfeifen, der ja wie die Unparteiischen in Solingen zu Hause sind. Nun erreichen wir die Herren, die sich die Zeit sehr gut einteilen müssen, um allen Anforderungen für ihre längst zum Zweitberuf gewordene Leidenschaft zu erfüllen, im Auto auf dem Rückweg von der Zweitliga-Partie zwischen der HSG Krefeld Niederrhein und dem VfL Potsdam. Besonders die letzten fünf Sekunden haben es in sich: Nicolas Paulnsteiner bringt Potsdam durch sein 37:36 in eine gute Position – und praktisch mit der Schluss-Sirene sorgt Niklas Michalski noch für den 37:37-Ausgleich der um den Klassenerhalt kämpfenden Eagles. Was hinterher bei aller Aufregung fast ungewöhnlich war: Denis Seidler und Dustin Seidler standen für keine der beiden Seiten im Mittelpunkt. Auch ihre Zusammenfassung hinterher klang fast unaufgeregt: „Es war intensiv.“ Warum das alles erwähnenswert ist? Seidler/Seidler hatten vor einiger Zeit sofort wieder offene Ohren für uns und am 31. Mai leiten sie das Allstar Game 2026 zwischen dem Niederrhein und dem Mittelrhein. Es ist auch für sie eine Art Nach-Hause-Kommen.
Der gemeimsame Standpunkt: „Wir freuen uns darauf, viele alte Gesichter wiederzusehen. Das ist das Schöne daran.“ In diesem Zusammenhang ist viel passiert seit jenem 12. Januar 2024, als Denis und Dustin Seidler bei der Premiere des Allstar Games zwischen einer Harzhelden-Auswahl und dem Zweitligisten TSV Bayer Dormagen mit von der Partie waren – und den Abend natürlich ohne Probleme über die Bühne brachten. Logisch: Die beiden sind älter geworden und nicht mehr 26, aber mit 28 Jahren immer noch jung. Genauso logisch: Sie bauen weiter mit viel Einsatz und Energie an ihrer Karriere an der Pfeife, zu der sie unverändert als Mitglieder des TSV Aufderhöhe greifen. Es gehört außerdem nach wie vor zur Vita der Zwillinge, dass ihnen die Leidenschaft für den Handball praktisch in die Wiege gelegt wurde. Ihr Opa war ja einst Hausmeister in der Halle Börkhaus-Siebels – in jener in der Szene als „Bunker“ bekannten Spielstätte, die für jede Gastmannschaft aufgrund ihrer Enge bis heute eine echte Herausforderung ist. Das frühzeitige Umsteigen von der aktiven Rolle als Spieler auf der Platte hin zur mindestens genauso aktiven als Leiter des Ganzen haben Seidler/Seidler bis heute nicht bereut. Mitgenommen haben sie bei ihrer Entscheidung damals den Willen, sich zu entwickeln und herauszufinden, wie weit der Weg denn führen kann. Offensichtlich ist das eine ganze Menge, denn vor zwei Jahren gehörten die Solinger noch dem Nachwuchskader des Deutschen Handball-Bundes an und mit dem Beginn der Saison 2025/2026 sind sie Mitglieder im Bundesliga-Kader.
Das bringt ihnen mittlerweile Einsätze in der 2. Bundesliga und in der 3. Liga der Männer sowie in der 1. Bundesliga der Frauen, doch auf der Ebene des Landesverbandes Nordrhein tauchen Denis und Dustin Seidler eben entsprechend seltener bis gar nicht mehr auf. Das dürfte dann künftig eher noch schwieriger werden, weil sie natürlich höher hinaus wollen, fast in den Olymp der Schiedsrichter sozusagen – dorthin, wo ganz oben beinahe entrückt unter anderem Deutschlands Top-Unparteiische Robert Schulze und Robert Tönnies zu Hause sind. Diese beiden Magdeburger sicherten sich nach der Serie 2025/2026 bereits zum fünften Mal hintereinander den Titel Schiedsrichter der Saison: Die rund 15 Jahre älteren Kollegen hatten damals bereits mehr als 600 Einsätze für den DHB sowie über 200 bei internationalen Turnieren zu verzeichnen, sie bewegen sich in der Champions League, bei Olympischen Spielen, bei Welt und Europameisterschaften. Seidler/Seidler wollen auf jeden Fall in der 1. Männer-Bundesliga ankommen und alleine dafür investieren sie im Moment jeweils rund 20 Stunden pro Woche inklusive Vorbereitung, Weiterbildung, Nachbereitung und dem Versuch, sich zu verbessern. Was ihnen immer wichtig bleiben wird, ist eine angemessene Atmosphäre, und für die oft von den Rängen eingebrachte Hektik oder verbale Attacken von dort haben sie direkt hinterher bei der gemeinsamen Rückfahrt nach Hause stets sofort die Gelegenheit, alles im vertrauten Gespräch zu be- und verarbeiten. Für die Spieler haben unsere Unparteiischen bei Allstar Game dabei ein pauschales Lob auf Lager: „Der Umgang auf dem Feld ist gut und respektvoll.“ Wir geben ihnen eine Garantie: Das wird am 31. Mai zu tausend Prozent nicht anders sein.

Mit Mikro und Pfeife: Für Dustin Seidler ist Kommunikation auf der Platte die halbe Miete auf dem Weg zur Entscheidung. (Foto: Thomas Schmidt)
Denis und Dustin Seidler haben sich in den vergangenen zweieinhalb Jahren weiterentwickelt – nicht nur im Nebenberuf Schiedsrichter, sondern auch im jeweiligen Hauptberuf. Dazu gibt es eine Kurzformel, die unter anderem beweist, dass die Zwillinge über eine gute Portion Humor verfügen. „Der eine denkt, der andere arbeitet mit den Händen.“ In der Wirklichkeit ist Denis derjenige, der einst das Bau-Ingenieur-Studium in Wuppertal verließ und eine Ausbildung als „Metallbauer Fachbereich Metallgestaltung“ begann – die unter der früher dafür verwendeten Bezeichnung Kunstschmied vermutlich griffiger klingt und die er selbst deutlich lieber verwendet. Sein berufliches Glück hat er als Praktiker bei einem Düsseldorfer Schmied gefunden und die Gesellenprüfung hinter sich. Einer der vielen Reize an dieser Tätigkeit, die so gar nichts hat von einer Schreibtisch-Tätigkeit: „Wir stehen am Feuer, ich haue drauf. Und du siehst direkt, was aus dem geworden ist, was du tust.“ Das mit dem Draufhauen kommt bei Dustin seltener vor, der inzwischen in seinem Studium der Wirtschafts-Informatik den Bachelor Sc. erworben hat, sich als Software Test Engineer zum Beispiel um die Qualität von Software-Produkten kümmert und seine Fähigkeiten bei einem bekannten Solinger Unternehmen im Bereich Mode/Bekleidung für Männer und Frauen einsetzt. Derzeit sind die Seidlers unter dem Strich mit sich im Reinen: „Das fühlt sich gut an, wie es ist.“ Ganz nebenbei machen sie sich im Übrigen einen Spaß daraus, hin und wieder mit ihrem Zwillingsdasein zu spielen: Wegen der durchaus großen Verwechslungsgefahr, durch die nicht selten schon Dustin als Denis oder umgekehrt durchging, gibt es einen gemeinsamen (Insider-) Spitznamen: Frank. Den Vater, der in echt Frank heißt, wird es freuen. Aus der damals noch von ihm trainierten dritten Mannschaft des TSV Aufderhöhe stammt der Spaß: Plötzlich haben sie alle drei Seidlers nur noch Frank gerufen. Und wir sagen danke dafür, dass Frank und Frank am 31. Mai dabei sind.