Regionalliga Nordrhein
Die Bandbreite: Dormagens Dominanz und Aachens Happy End
Meister TSV Bayer II stach mit seiner Konstanz heraus, der BTB hielt die Klasse in einem ungewöhnlichen Endspurt. Eine grausame Saison spielte der TV Aldekerk. Titelkandidaten für 2026/2027? Noch keine.

Bad im Jubel: Aachens zuletzt wieder spielender Trainer Simon Breuer (rechts) konnte sich mit dem Klassenerhalt in der Regionalliga verabschieden. Ganz geht er im Übrigen nicht, weil er dem Verein als Jugendtrainer erhalten bleibt. (Foto: BTB)

Sie ist sich treu geblieben: Sie war verrückt, sie war spannend – und es verging besonders im letzten Teilstück beinahe kein Spieltag ohne Aufreger in der Regionalliga. Den sportlich bemerkenswertesten Beitrag lieferte der TSV Bayer Dormagen II, der für seine junge Mannschaft vor dem Beginn der Saison noch auf die Bremse getreten hatte. So klang das damals bei Trainer Peer Pütz: „Es wird eine Herausforderung.“ Ziel sei es, sich im gesicherten Mittelfeld aufzuhalten und vor allem die Talente zu entwickeln. Mit dem Start ins Kalenderjahr 2026 begannen sich die Dinge jedoch zu verselbstständigen: Während keiner sonst so etwas wie Konstanz zeigte, bauten die Dormagener an einer beeindruckenden Serie, übernahmen auch die Tabellenführung und machten am 2. Mai Nägel mit Köpfen: Durch den 33:26-Erfolg beim HC Weiden, der ja als Fünfter nicht gerade zur Laufkundschaft gehörte, baute Dormagen seine Serie auf 27:1 Punkte aus und stand bei insgesamt 39:9 Zählern vorzeitig als Meister und Aufsteiger in die 3. Liga fest. Weidens Coach Marc Schlingensief fasste gut zusammen, wie der Lauf der Dinge aussah: „Die Stärke von Dormagen muss man an der Stelle einfach anerkennen. Wir haben absolut solide gespielt – was wahrscheinlich gegen viele andere Teams gereicht hätte.“ Ob es sinnvoll ist, dass die Dormagener nun nach einer regelmäßig gegen den Abstieg aus der 2. Bundesliga kämpfenden ersten Mannschaft direkt darunter mit den gegenüber der Regionalliga noch einmal höheren Anforderungen eine junge Zweite am Start haben, ist eine andere Frage.

Die Leitung in der Abteilung Drama hatte eindeutig der BTB Aachen. Nach 4:16 Punkten bis zum Ende des Jahres 2025 stand der Mannschaft von Trainer Simon Breuer das Wasser früh bis zum Hals. Mit drei Siegen und einem Unentschieden zum Start in das neue Jahr 2026 schien sich zunächst einiges zum Guten zu wenden, doch anschließend ging es richtig los: Durch sieben Niederlagen hintereinander entwickelte sich Aachen zum Top-Abstiegskandidaten. Zum ungewöhnlichen Drehbuch gehörte dabei am 11. April das 27:28 gegen die HSG Refrath/Hand, weil der entscheidende Treffer nach Ansicht der Aachener bei bereits abgelaufener Spielzeit nicht (mehr) hätte fallen dürfen. Zwei Wochen später gab es beim 28:28 gegen den OSC Rheinhausen beweisbare Aufregung, denn dem OSC wurde ein gar nicht erzielter Treffer gutgeschrieben. Auf den angekündigten Einspruch verzichtete der BTB diesmal, weil er lieber das Unentschieden mitnehmen und das Risiko, in einem Wiederholungsspiel leer auszugehen, ausschließen wollte. Anschließend taten die Aachener das, was die sinnvollste Lösung war: Sie verließen sich auf sich selbst und gewannen sowohl beim TV Aldekerk (31:29) als auch ihr Finale im Kampf um den Klassenerhalt gegen den SSV Nümbrecht (34:27) und schafften so den Sprung auf den rettenden Platz zwölf (18:34). Besonders erleichtert darüber war Simon Breuer, der nun seinem Nachfolger Philipp Reinertz eine Regionalliga-Mannschaft übergeben kann.

Den Ausreißer nach unten lieferte der aus der 3. Liga abgestiegene TV Aldekerk. Rund um die Vogteihalle hatte zwar wegen des umgebauten Kaders niemand etwas vom direkten Wieder-Aufstieg erzählt, doch selbst eine passende Position im vorderen Mittelfeld konnte das Team des Trainergespanns Tim Gentges/Nils Wallrath nicht liefern und nach den übersichtlichen 13:13 Punkten aus dem ersten Drittel ging es erst recht bergab. Nach dem 29:37 vom 21. Februar bei der gefährdeten Borussia Mönchengladbach erreichte die Krise einen ersten Höhepunkt und es gab personelle Maßnahmen: Einige Spieler durften fortan nur noch in der zweiten Mannschaft mitmachen. Genutzt hat das alles wenig bis nichts. Der TVA geriet schnell in seine zweite Krise und nach dem 29:31 zu Hause gegen Aachen fand Gentges besonders klare Worte: „Wir stecken jetzt ganz schön tief in der Scheiße.“ Es waren im Übrigen vor allem die Aachener und der HC Gelpe/Strombach, die den Aldekerkern die gröbsten Sorgen rund um den größten anzunehmenden Unfall (Abstieg in die Oberliga) nahmen. Weil der BTB und der HC (31:29) gegen Nümbrecht gewannen, durfte der TVA aufatmen (Zehnter/20:32).

Insgesamt folgten hinter den über Monate sehr konstanten Dormagenern im TV Korschenbroich (34:18), dem HC Weiden, dem OSC Rheinhausen, der Unitas Haan (alle 33:19), der HSG am Hallo Essen und der TSV Bonn rrh. (beide 30:22) sechs Mannschaften, die auf einem vergleichbaren Niveau unterwegs waren. Kommt aus diesem Kreis der Favorit für die Meisterschaft 2026/2027? Outen wird sich als einer der wenigen Kandidaten mit einem mutigen Ziel vielleicht wieder der TV Korschenbroich, der auf der anderen Seite vor allem hofft, dass sein in den vergangenen Monaten schmerzlich vermisster Führungsspieler Mats Wolf (Kreuzbandriss) demnächst wieder in den Spielbetrieb zurückkehrt. Gibt es am Ende etwa dieselbe Prozedur wie im vergangenen Jahr? Vermutlich. Dieselbe Prozedur wie in jedem Jahr? Vermutlich auch. Wer den einen oder anderen Gedanken an den Aufstieg „verschwendet“, genehmigt sich das höchstens im Verborgenen. Das in der jüngeren Vergangenheit beinahe fest etablierte Motto: Bloß nicht auffallen, bloß nicht die anderen reizen, die weniger ambitionierte Ziele haben. Geklappt hat das übrigens noch nie. Aufsteigen muss immerhin niemand, weil keiner dazu gezwungen wird. Absteigen werden demgegenüber wieder mindestens zwei Mannschaften müssen. Was aus allem folgt: Sicher ist wohl wenig, aber spannend wird es bestimmt. Jede Wette: Die Regionalliga wird nie aufhören, verrückt zu sein. Sie wird immer Dramen bieten und Aufreger. Deswegen macht sie so viel Spaß.