Regionalliga Nordrhein
Kleine Mittel, großes Herz: Lintorf ist bereit fürs Abenteuer
Der aus der Oberliga aufgestiegene TuS wirft Feuer und Leidenschaft in die Waagschale. Das gilt auch für André Fink, der mehr als "nur" Trainer ist.

Redezeit: Trainer André Fink (Mitte) spricht offensichtlich eine Sprache, die bei seinen Spielern ankommt. (Foro: Horst Lesch)

Sie wissen, was sie tun. Weil sie wissen, wo sie herkommen. Weil sie wissen, was auf sie zukommt. Das hat beim TuS Lintorf zuerst mal viel mit dem Ende der Saison 2021/2022 zu tun, als die Mannschaft zuerst als Vizemeister der früheren Gruppe 2 in der Verbandsliga hinter dem Direkt-Aufsteiger SG Überruhr über die Zielllinie kam und dann mit dem damaligen Trainer Felix Linden noch in einer Qualifikation die Chance zum Aufstieg in die Oberliga bekam. Dort hatten es die Lintorfer mit dem TV Kapellen zu tun, dem Zweiten der Gruppe 1 – und mit dem 29:25 legte das Team am 4. Juni 2022 in Kapellen den Grundstein, ehe am 12. Juni dank des intensivst gefeierten 31:26 im Qualifikation-Rückspiel alles klar war. Sie waren beim TuS alle so glücklich wie der Sportliche Leiter Kalle Töpfer, den heute immer noch (fast) niemand mit seinem bei der Geburt vergebenen Vornamen Karl-Heinz anspricht. Was der maximal bodenständige frühere Bundesligaspieler damals als Ziel formulierte? „Wir sind alle Handball-Verrückte. Unser Ziel ist es, nicht abzusteigen.“ Erstens: Den Plan erfüllten die Lintorfer trotz bescheidener finanzieller Ausstattung nahezu mühelos: Achter mit 23:29 Punkten in der Saison 2022/2023, Sechster mit 27:25 Punkten in der Saison 2023/2024, Fünfter mit 29:23 Punkten in der Saison 2024/2025. Es sah aus wie eine Politik der kleinen Schritte auf dem Weg zu einem etablierten Oberligisten und doch wurde plötzlich mehr draus. Aus der Mannschaft kam nach der relativ günstig ausgefallenen Einteilung der Gruppen für 2024/2025 der Wunsch: „Lasst es uns probieren!“ Gemeint war nichts anderes als die Idee, ob denn nicht der Sprung in die Regionalliga ein Thema sein könnte. Ergebnis: Er konnte. Trainer André Fink, der schon nach der Hälfte der Serie 2022/2023 im ersten Oberliga-Jahr vom Coach der Zweiten als Linden-Nachfolger aufgerückt war, und sein Team landeten tatsächlich den großen Wurf – trotz zwischenzeitlich nicht geringer personeller Sorgen. Über einen Mix aus Teamgeist, brennendem Feuer, Leidenschaft fürs gemeinsame Ganze und den passenden handballerischen Leistungen sicherte sich Lintorf die Meisterschaft. Der eine oder andere muss sich wohl bis heute immer wieder kneifen, weil es sich wie ein Traum anfühlt: Der TuS Lintorf spielt 2026/2027 in der Regionalliga.

Der Start in die Oberliga 2025/2026 löste nach dem 29:24 über den TV Lobberich mit dem 28:29 am zweiten Spieltag bei der Turnerschaft St. Tönis noch keine überbordende Freude aus, doch in den folgenden elf Partien holten die Lintorfer alles nach – mit elf Siegen und makellosen 22:0 Zählern, sodass am Ende der Hinrunde starke 24:2 Punkte auf dem Konto standen. Eine verblüffende Parallele bot der Start in die Rückrunde: Sieg in Lobberich (40:34), Niederlage zu Hause gegen St. Tönis (26:28). Nach dem 32:29 im Spitzenspiel bei Handball Oppum (am Ende auf Rang drei) und dem 31:23 gegen die HSG VeRuKa (Zwölfter) passierte dem TuS noch einmal eine kritischere Phase, weil er sowohl gegen die DJK Adler Königshof (Vizemeister/25:28) als auch gegen die HSG Hiesfeld/Aldenrade (Fünfter/23:24) den Kürzeren zog und das Unternehmen Titel vorübergehend in Gefahr zu gerieten schien. Die Antwort darauf fanden Team und Trainer aber schnell und in den restlichen sieben Aufgaben brannte mit weiteren vier Siegen nichts mehr an. Das 30:24 am vorletzten Spieltag bei der DJK VfR Mülheim Saarn war das Meisterstück und das 43:26 zum Abschluss gegen den MTV Rheinwacht Dinslaken der für eine Aufstiegsfeier optimale Schlusspunkt. Dass der finale und vorerst letzte Oberliga-Treffer des TuS Lintorf an diesem Abend von Sebastian Thole kam, rundete die Saison im Übrigen passend ab. Thole, der seine Karriere eigentlich beendet hatte, sprang wie Andreas Kropp nach Finks Notruf-Signal sofort ein, als die Mannschaft in der Rückrunde mit erheblichen personellen Problemen zu kämpfen hatte. Fink sah das erstens als Zeichen gegenseitiger Wertschätzung und zweitens als Beleg für die besondere Atmosphäre innerhalb der Mannschaft. Noch ein Zeichen dafür, dass es kaum mehr an Zusammenhalt und Beitrag für den Erfolg geben kann: Zum abschließenden Sieg über die Dinslakener steuerten alle 14 auf dem Spielbericht eingetragenen Feldspieler jeweils zumindest einen Treffer bei. Zwei Tore gingen dabei aufs Konto des unverwüstlichen Christoph Lesch, der in den Jahren zuvor immer einen besonderen Eckpfeiler im Gesamtgefüge dargestellt hatte und nun ein paar Tage vor seinem 42. Geburtstag noch einmal auf die Platte ging. Ohne Tor blieben am Ende nur die beiden Keeper Sebastian Büttner und Aaron Hallfeldt, die dafür eindeutig im Feld ihrer Kernkompetenz eine besondere Klasse beweisen: Zusammen mit der Abwehr ließen sie in 26 Spielen nur 653 Gegentore zu, was einem Durchschnitt von 25,11 pro Begegnung entspricht.

Der heutige TuS-Coach André Fink kam im Sommer 2022 vom ATV Biesel, wo er bis dahin einige Jahre in den Bereichen Jugend und Männer tätig gewesen war und unter anderem auch mit Felix Linden zusammengearbeitet hatte. Nach dem Aus der Ehe zwischen Lintorf und Linden mitten in der Saison 2022/2023 stellten sich zunächst Manager Kalle Töpfer und der ehemalige Spieler Daniel Ziebold an die Seitenlinie, doch das Engagement war von vornherein mit einer begrenzten Haltbarkeitsdauer versehen. Auf der Suche nach einer dauerhaften Lösung wurde der TuS in den eigenen Reihen fündig und er übertrug die Verantwortung für die Erste auf Fink – und es war ein Schritt, den beiden Seiten bis heute nicht bereut haben dürften. „Man sieht, dass wir eine Einheit sind“, sagt Fink, der mittlerweile längst mehr als „nur“ Trainer ist, weil er auch wichtige andere Aufgaben übernimmt. Dazu gehört unter anderem ein Stück aus dem Bereich des Sportlichen Leiters, denn der 34-Jährige ist komplett für die Personal- und Kaderplanung verantwortlich. Die Verfahrensweise: Fink überlegt, wen er sich als Verstärkung vorstellen kann – und bespricht zugleich im engen Austausch mit Kalle Töpfer, ob aus dem Wunsch vielleicht Wirklichkeit werden kann. Dabei bietet der finanzielle Rahmen eher einen kleinen Spielraum, sodass die Lintorfer mit anderen „weichen“ Faktoren punkten müssen, um Spieler von einem Wechsel zu überzeugen. Fink weiß sehr genau, dass die Mittel endlich sind und er hat es einerseits voll akzeptiert, andererseits wünscht er sich den einen oder anderen zumindest erkennbaren Schritt voran: „Sportlich haben wir uns weiterentwickelt, sonst ist noch Luft nach oben.“

Alleine mit dem Blick aufs Portemonnaie wird wohl eher niemand in Lintorf spielen, was Kalle Töpfer und André Fink in einprägsame Wort kleiden. „Wer für Geld kommt, geht auch wieder für Geld“, sagt Töpfer. Fink formuliert es so: „Wir haben Spieler, die zahlen drauf.“ Dass Zusammenhalt und Wohlfühl-Atmosphäre rund um die Mannschaft dennoch verlockend sind, beweisen dabei unter anderem zwei Zugänge in den beiden vergangenen Jahren. Im Januar 2025 kam Til Klause (24), der 2024/2025 mit dem jetzigen Klassen-Konkurrenten TV Korschenbroich in der 3. Liga unterwegs gewesen war, und seine Qualitäten im Rückraum wurden nicht nur wegen der 107 Tore in 20 Spielen ein wertvolles Puzzlestück. Zur neuen Saison in der Regionalliga konnte der TuS schließlich in Nico Reinartz (29) einen erfahrenen Spieler mit Regie-Qualitäten von sich überzeugen – bis dahin beim TV Geistenbeck eine tragende Säule und nach dessen Rückzug aus der Oberliga auf der Suche nach einer passenden „Anschluss-Beschäftigung“. Linkshänder Jari Mika Reissig (Rechtsaußen), der zuletzt als Noch-A-Jugendlicher zum Kader des Regionalligisten HSG am Hallo Essen gehört hatte und in der Rückrunde 2025/2026 nach Lintorf kam, und Benjamin Rüther (Kreis) stamnen aus der A-Jugend des TuSEM Essen und bilden praktisch das andere Ende der Alterspyramide ab. Ein Abgang, der den TuS sicher schmerzt: Nikolaos Karolidis (18/Rechtsaußen) schloss sich dem TV Korschenbroich an.

Hoch hinaus: Als der Aufstieg in die Regionalliga unter Dach und Fach war, zeigten die Lintorfer viel Sinn fürs Feiern und manche viel Gleichgewichtsgefühl. (Foto: Hort Lesch)

In Lintorf sind sie zwar intensive Anhänger von Begriffen wie Teamgeist, Hingabe, Leidenschaft oder Liebe für den Handball als eine Art Familienbetrieb, besonders romantisch fällt der Blick auf die kommenden Monate deshalb allerdings nicht aus. „Unser Ziel ist der Klassenerhalt“, betont Fink, der auf die alten Qualitäten der wenig veränderten Mannschaft baut und ihr darüber hinaus eine punktuelle Steigerung zutraut: „Wir haben eine sehr flache Hierarchie.“ Daraus ergibt sich, dass die Lintorfer in der höheren Klasse vermehrt in bestimmten Situationen den einen oder anderen Spieler benötigen, der klare Kommandos erteilt und den Ton angibt. Im Übrigen soll ganz viel darüber laufen, dass die Mannschaft bereit ist, mehr zu investieren als die Konkurrenz, um so die eignenen Nachteile wettzumachen. „Wir sind körperlich unterlegen“, räumt Trainer Fink ein, der natürlich keinerlei Entgegenkommen der anderen Regionalligisten erwartet und deshalb für jede Partie maximalen Einsatz als Basis sieht: „Die Jungs wissen, dass sie müssen. Wir können decken und wir werden hart decken.“ Weil Zeit in diesem Fall sehr wertvoll ist, läuft die erste Phase der Vorbereitung bereits seit dem 22. Juni und sie endet am 1. August mit einem ersten Testspiel (gegen Alstaden/Verbandsliga). Anschließend folgt eine einzige kleinere Unterbrechung, ehe es am 10. August mit der zweiten Phase weitergeht. Eine weitere Pause bis zum Meisterschaftsstart am 19./20. September? Keine. Als willkommene Abwechslung dürfte der 5. September gelten: Dann gönnen sich Mannschaft und Trainer als Team-Event einen Besuch beim Lintorfer Dorffest. Den letzten spielerischen wie taktischen Feinschliff soll es dann in einem noch in der Planung steckenden Trainingslager vom 11. bis 13. September geben.

Mit der Frage, ob das Auftaktprogramm happig aussieht oder nicht, beschäfigt sich der TuS Lintorf eher am Rande – weil für ihn jede Aufgabe in der höheren Klasse eine hunderrprozentige Herausforderung ist. Die Auftaktpartie am 19. September gegen die TSV Bonn rrh. könnte immerhin sofort zeigen, wo der Aufsteiger im Vergleich zu einem Klub steht, der in der vergangenen Serie in der oberen Hälfte unterwegs war (Siebter). Am zweiten Spieltag (26./27. September) wartet die Aufgabe beim Mit-Aufsteiger HSG Siebengebirge (aus der Gruppe 1 der Oberliga) und am dritten (3./4. Oktober) jene beim zuletzt herb enttäuschenden ehemaligen Drittligisten TV Aldekerk (Zehnter). Nach den Spielen am 10./11. Oktober bei Unitas Haan (Fünfter) und am 17./18. Oktober gegen den HC Weiden (Dritter) geht es in die erste und wegen der Herbst-Schulferien drei Wochen dauernde Saison-Unterbrechung – was allen Beteiligten sicher die Gelegenheit für eine erste Bestandsaufnahme mit den eigenen Chancen für den weiteren Saisonverlauf bietet. Die Lintorfer sind auf alles eingerichtet – und sie wollen alles dafür geben, dass das Abenteuer Regionalliga gelingen möge. „Wir haben eine super Mannschaft“, betont André Fink – unabhängig von dem, was im Mai 2027 in der Tabelle zu finden ist und welche Position letztlich zum erfolgreichen Bestehen der Prüfung erforderlich sein wird. Alle wissen, wo sie herkommen und alle wissen, was auf sie zukommt. Es gibt schlechtere Voraussetzungen.