| 18. September 2025 | Zurück zur Artikelübersicht » |

Suchende: Wie die Chancen in der Regionalliga nach dem Abstieg aus der 3. Liga aussehen, wüssten sowohl Henrik Schiffmann, Ben Büscher, Mats Wolf (von links) und der TV Korschenbroich ganz gerne als auch Steffen Hahn (rechts) und der TV Aldekerk. Am Samstag wird es erste Hinweise darauf geben. (Foto: Sven Frank)
Dieselbe Prozedur wie im vergangenen Jahr? Sicher. Dieselbe Prozedur wie in jedem Jahr? Auch. Wer den einen oder anderen Gedanken an den Aufstieg „verschwendet“, genehmigt sich das höchstens im Verborgenen. Das Motto: Bloß nicht auffallen, bloß nicht die anderen reizen, die weniger ambitionierte Ziele haben. Und auch das ist fast schon eine Tradition: Den meisten Mut äußert noch der TV Korschenbroich, der im Jahr eins nach dem Aufstieg in die 3. Liga auf direktem Weg zurück in die Regionalliga musste – und trotzdem die Zeit „oben“ nicht missen mag. Deshalb soll der Weg über kurz oder lang zurück in die 3. Liga führen: „Wir haben da Blut geleckt und wir wollen so weit wie möglich oben mitspielen.“ In Keeper Sven Bartmann (38), der vom Zweitliga-Aufsteiger HSG Krefeld zum TVK wechselte, stellen die Korschenbroicher für diesen Sommer die Top-Verpflichtung und der mit Drittliga-Erfahrung ausgestattete Rückraumspieler Max Hartz (28/zuletzt HSG Saarbrücken) gilt ebenfalls als wertvolle Verstärkung. „Unser Kader ist sicher nicht schlechter geworden, da sind wir gut bis sehr gut dran“, sagt Trainer Frank Berblinger, „unser Problem ist die Quantität.“ Neben den beiden Torhütern Bartmann und Felix Krüger stehen nur elf Feldspieler zur Verfügung – und die Suche nach einem passenden 14. Mann für den Kader blieb (noch) erfolglos. Dünn bestückt ist der TVK vor allen Dingen auf der rechten Seite, wo in Henrik Schiffmann für den Rückraum und Florian Krantzen für die Position Rechtsaußen bloß zwei Linkshänder dabei sind. Eine These: Kommen alle gesund und fit durch die Saison, gehört Korschenbroich zu den Favoriten auf den Titel. Die erste Standortbestimmung bietet am Samstagabend die Aufgabe gegen die HSG Refrath/Hand, die mit Trainer Kelvin Tacke bestimmt nicht in die Waldsporthalle kommt, um die Punkte kampflos abzuliefern und möglichst ohne großen Zeitverlust wieder nach Hause zu fahren.
Wenn alleine das zur Verfügung stehende Personal zählt, kommt der größte erkennbare Favorit auf die Meisterschaft aus dem Ruhrgebiet: Die HSG am Hallo Essen hielt sich nach dem Aufstieg aus der Verbandsliga in die Oberliga dort nicht lange auf und ist sicher nicht aus Zufall oder mit Glück in der Regionalliga angekommen. Der „neue“ Trainer Felix Linden, schon vorher und auch weiter als Sportlicher Leiter in der Verantwortung, hat einen Kader an der Hand, mit dem sich Tiefstapeln von selbst verbietet. Von Bord gegangen sind zwar unter anderem die Brüder Damian und Sebastian Janus, aber die Neuen verstärken den Kader beeindruckend. Dabei ist und bleibt ein 31 Jahre alter Ex-Profi der Königstransfer: Dennis Szczesny (31), der vom Zweitligisten TuSEM Essen kommt, war seit 2014 eine der Seelen des Esseners Spiels und nicht nur Abwehrchef, sondern auch Kapitän der Mannschaft, mit der er 2020/2021 und 2021/2022 einen Ausflug in die 1. Bundesliga unternehmen konnte. Lukas Ellwanger, bis vor Kurzem beim Drittligisten TV Aldekerk und früher ebenfalls bei TuSEM unterwegs, Torhüter Dean Christmann (zuletzt in der Regionalliga beim MTV Rheinwacht Dinslaken zwischen den Pfosten) sowie der ebenfalls erfahrene Regisseur Marijan Basic (in der 2. Liga etwa beim TSV Bayer Dormagen und beim TuS Ferndorf) und der 22 Jahre junge Oberliga-Torschützenkönig Matthis Blum (22/vom HSV Dümpten gekommen). Im Übrigen legen die Essener viel Wert darauf, dass sie nicht nur die Karte Erfahrung spielen, sondern zugleich mit Talenten wie den aus der A-Jugend des Nachbarn TuSEM gekommenen Tim Schuppe, Jari Reissing und Jeremy Lange arbeiten. Der Vorsitzende Alexander Gehrke hat es mal so formuliert: Bis 2030 soll sich die HSG unter den besten sechs Teams in der Regionalliga etabliert haben. Das ist dann eine absurde Untertreibung, wenn der Kader alle seine Qualitäten oder zumindest den größten Teil davon auf die Platte zu bringen vermag.
Der erste Test dafür, wie es um Hingabe und Leidenschaft der Essener bestellt ist, bietet direkt der Auftakt am Samstag im Ruhrgebietsderby beim OSC Rheinhausen. Dort tritt der neue Trainer Sascha Wistuba als Nachfolger von Thomas Molsner, dessen Co-Trainer er vorher war, seine erste Stelle mit voller Verantwortung an – und er muss dabei den Umbau der Mannschaft mit zahlreichen Abgängen und Zugängen bewältigen. Geblieben sind aus dem bisherigen Kern des Teams Noah Adrian, Justin Kauwetter, Felix Käsler, Max Molsner und Daniel Zwarg sowie die Torhüter Julian Seemann und Julian Borchert. Prominentester Neuer ist sicher Lukas Hüller (29), der in der vergangenen Saison noch zum Kader der HSG Krefeld Niederrhein gehörte, am Aufstieg der Eagles in die 2. Bundesliga beteiligt war und in der Rheinhausener Vorbereitung oft unter Beweis stellte, dass er den OSC in der Regionalliga massiv stützen kann. Aus Krefeld kam jetzt auf den letzten Drücker noch Linksaußen Lasse Mook (19) und er ergänzt die personellen Möglichkeiten der Rheinhausener – bei denen Wistuba im Übrigen als Spezialist für Athletik und Angriff keineswegs die alleinige Chefrolle für sich beansprucht, sondern seine Fähigkeiten als Teil eines Duos zusammen mit Nico Biermann einbringen möchte, der wiederum die Bereiche Taktik und Abwehr verantwortet. „Ich bin frohen Mutes, dass wir einen guten Job machen“, sagt Wistuba, der damit auch die Mannschaft meint, „unser Ziel ist es, so schnell wie möglich nichts mehr mit dem Abstieg zu tun zu haben.“ Respekt vor Essen? Ja. Angst? Nein. „Vielleicht hilft es uns, dass wir als Erster gegen sie spielen.“ Auf der Platte wird sich zeigen, wer mit seinen Dingen schon weiter ist.
In einer Welt, die ausschließlich der Statistik vertraut, wäre die TSV Bonn rrh. so etwas wie der natürliche Kandidat Nummer eins auf die Meisterschaft. Am Ende der Saison 2023/2024 stand, damals noch unter der Regie von Trainer Frank Berblinger (heute TV Korschenbroich), der dritte Tabellenplatz mit 33:19 Punkten aus 26 Spielen – was 1,27:0,73 Zählern pro Partie bedeutete. Ein Jahr darauf gab es mit dem neuen Chefcoach Florian Benninghoff-Lühl (vorher Co-Trainer bei Berlinger) den zweiten Platz mit 33:15 Punkten aus nur 24 Spielen – was für den Vizemeister eine Steigerung in der Position und im Durchschnitt auf 1,38:0,62 Zähler bedeutet. Weil sie in Bonn keine Träumer sind, sondern eher bodenständig bis realistisch, fordert nun aber niemand, die Mannschaft möge nach dem Titel greifen. Weil manches dafür spricht, dass die Konkurrenz durch drei Drittliga-Absteiger und gute Aufsteiger eventuell noch ausgeglichener ist als in der ungewöhnlich spannende Saison 2024/2025, wäre die TSV in der Summe sehr zufrieden damit, wenn sie die Entwicklung junger Spieler weiter vorantreiben und sich im oberen Drittel etablieren kann. „Nebenbei“ sehen die Bonner, die gegen Unitas Haan in die Saison starten, nicht nur anspruchsvolle sportliche Aufgaben auf sich zukommen, sondern auch organisatorische Herausforderungen: Von Anfang Oktober bis Mitte November steht die Sporthalle Ringstraße aufgrund von Reparatur-Arbeiten nicht zur Verfügung und die TSV muss diese Zeit in Ausweich-Quartieren überbrücken.
Was den TSV Bayer Dormagen II als Zweite eines Zweitligisten und den VfL Gummersbach II als Zweite eines Erstligisten eint: Beide rücken die Nachwuchs- und Talent-Förderung in den Vordergrund und verzichten daher auf ein konkretes sportliches Ziel für 2025/2026. „Es wird eine Herausforderung“, sagen TSV-Coach Peer Pütz und VfL-Kollege Jan Schwenzfeier unabhängig voneinander und trotzdem mit den identischen Worten. Während Dormagen zum Auftakt beim Klassen-Neuling SSV Nümbrecht antritt, der sich selbst als größten möglichen Außenseiter sieht und froh wäre, dass ihm irgendwie eine Position über dem Strich gelingt, geht es für die Gummersbacher beim Drittliga-Absteiger TV Aldekerk los, dessen Coach Tim Gentges einen krassen Wandel beackern muss. „Wir haben einen Umbruch, wie es ihn in Aldekerk seit zehn oder zwölf Jahren nicht gegeben hat“, betont Gentges, „wir müssen nicht auf Biegen und Brechen zurück in die 3. Liga.“ Wichtiger ist aus seiner Sicht die Entwicklung für die nächsten Jahre, immer verbunden mit Fortschritten in die entsprechende Richtung. Dabei ist die alte Leidenschaft für den Handball auch eine Etage tiefer ungebrochen groß: „Die Vorfreude steigt. Dass wir aus der 3. Liga abgestiegen sind, sollte nicht als Fehltritt oder Rückschritt interpretiert werden. Es öffnet sich jetzt eine neue Tür, wir führen den Generationswechsel durch. Zusammen mit den erfahrenen Spielern haben wir eine wunderbare Mischung aus Jung und Alt. Aber ein Umbruch braucht auch immer Zeit – und die werden wir uns nehmen. Wir machen uns aber nichts vor, die Zweitvertretung des VfL Gummersbach genießt eine hervorragende Ausbildung und sie spielt mit einem hohen Tempo. Da müssen wir sofort gegenhalten. Wir werden alles dafür tun, dass wir die zwei Punkte zu Hause halten. Wir sollten mit Selbstbewusstsein auftreten, wir müssen uns vor keinem Gegner in dieser Liga verstecken. Wir müssen das nicht verbissen angehen, sondern Spaß am Handball entwickeln und die Freude daran beibehalten. Die Jungs sind heiß, sie haben richtig Bock. Gegen Gummersbach II werden wir sehen, wie weit wir in unserer Entwicklung schon sind.“
Vor einer klaren Aufgabe steht auf jeden Fall der Regionalliga-Rückkehrer Borussia Mönchengladbach, der es sicher besser machen will als nach der Serie 2022/2023: Damals war die Mannschaft von Trainer Ronny Rogawska als Meister aus der Oberliga hochgerückt – die er am Ende der Serie 2023/2024 als Tabellenletzter direkt wieder verlassen musste. Vom mittelfristigen Ziel, vielleicht die 3. Liga anzupeilen, redet deshalb zurzeit keiner, doch die Sorge, dass es sich ähnlich entwickeln könnte wie seinerzeit, treibt ebenfalls niemanden um. „Wir haben uns individuell und in den Kleingruppen sehr gut entwickelt“, betont Rogawska, „ich bin glücklich mit den Spielern, die wir haben.“ Vorerst will er „nur“, dass die Borussia einen Stammplatz in der Regionalliga findet und sich natürlich nicht zuletzt in den beiden Derbys gegen den TV Korschenbroich ordentlich behauptet. Bis zum 16. Januar 2025 (in Korschenbroich) und erst recht bis zum 10. Mai 2026 ist es zwar noch eine Weile hin, aber beide Termine haben sie sich dick vorgemerkt. Die Hausaufgaben beginnen allerdings zunächst am Samstag mit der Aufgabe beim HC Weiden, der als Dritter der Saison 2024/2025 definitiv eine hohe Hürde ist und doppelt und dreifach alles für einen vernünftigen Auftakt geben wird: Die Mannschaft von Trainer Marc Schlingensief muss vier der fünf Aufgaben nach der Heimpremiere auswärts angehen. „Die Vorfreude ist nach der langen Vorbereitung besonders groß“, sagt Trainer Marc Schlingensief, „grundsätzlich freue ich mich auf eine Saison mit vielen Unbekannten durch die sechs neuen Teams – und einige Teams hatten große Umbrüche zu verarbeiten. Gladbach ist erfahrener, abgeklärter Gegner, der im Angriff sehr variabel agiert. Viele Spieler kennen wir bereits aus der Saison 2023/2024 und wir werden viel offensive Power bearbeiten müssen. Wir wollen aber grundsätzlich den Fokus auf uns richten und uns auf unsere Stärken konzentrieren. Vor heimischer Kulisse ist es uns ein großes Anliegen, positiv in die Saison zu starten. Dafür werden wir alles in die Waagschale werfen.“
Ziemlich neu ist vieles beim HC Gelpe/Strombach nach einigen personellen Änderungen: So übernahm Daniel Rodriguez das Traineramt von Markus Murfuni und gleichzeitig gingen zum Beispiel in den Rückraumspielern Julian Mayer und Alexandre Brüning (Karriere-Ende) wichtige Stützen. Wie sich die neu aufgestellten Gummersbacher behaupten können, dürfte der Start gegen den BTB Aachen zeigen, der sich auf den letzten Metern der Vorbereitung noch durch Leonard Tölke verstärken konnte: Der 21-Jährige kommt aus der zweiten Mannschaft des ThSV Eisenach und holte dort mit seiner Mannschaft die Meisterschaft in der Oberliga. Tölke, geboren in Bielefeld, studiert jetzt in Aachen. So einfach kann Handball manchmal sein.