| 27. März 2026 | Zurück zur Artikelübersicht » |

Bahn frei: Simon Schlösser (am Ball) wechselt zwar im Sommer die „Arbeitsstelle“, nimmt aber die Leidenschaft mit zum TV Palmersheim. Wie Oliver Dziendziol (links) und Karl Nitsche (rechts/verdeckt) will er vorher die Spitzenposition in der Oberliga ins Ziel und Siebengebirge in die Regionalliga bringen. Einziger Verfolger sind Marvin Link (Zweiter von links), Marius Többen (Dritter von links) und Sandro Gohly (rechts) mit dem TuS Königsdorf. (Foto: Thomas Schmidt)
Eins ist mal sicher. In dieser Gegend sind sie besonders handball-verrückt. Das hat nicht nur, aber auch mit der „Räuberbande“ zu tun, die als längst ziemlich bekanntes „Unterstützer-Netzwerk“ beim TV Palmersheim „arbeitet“ und nicht nur in der heimischen Peter-Weber-Halle in Kuchenheim als lautstarker Block für eine außergewöhnliche Atmosphäre sorgt, sondern gerne auch in Auswärtsspielen. Was sich daraus allerdings nicht ableiten lässt: Dass sie sich im Verein ausschließlich von Emotionen leiten lassen, dass sie ihre Entscheidungen nicht durchdenken, dass sie keine klaren Vorstellungen verfolgen. Deshalb sind sie beim Werben um einen Spieler, an dem sie ein besonderes Interesse haben, maximal hartnäckig beim Vortragen der lockenden Argumente. Nun konnte der Verein für seine erste Mannschaft in der Oberliga eine spektakuläre Verpflichtung an Land ziehen, die Noch-Trainer Peter Trimborn knapp zusammenfasst: „Das ist unser Königstransfer.“ Gemeint ist Simon Schlösser (32), der aktuell bei der HSG Siebengebirge die Fäden zieht und mit dem Spitzenreiter für den Rest der Saison 2025/2026 in einem Fernduell mit dem TuS Königsdorf um den Aufstieg in die Regionalliga kämpft. An dieser Stelle werden manche Konkurrenten den TVP wohl beneiden: Dort stehen schließlich künftig in René Lönenbach (33) und Schlösser zwei besondere Typen zur Verfügung, die hin und wieder wie selbstverständlich für das Verrückte gut sind, für überraschende Lösungen, für neue Ideen in kritischen Situationen, für Spielwitz, für Überblick. Den beiden sitzt in Marius Schmitz (25) ein dritter Mann im Nacken, der Lönenbach in dieser Saison sogar in den Schatten stellt und sich mit 142 Toren in 20 Spielen als zweitbester Werfer der Gruppe 1 in der Oberliga etabliert hat. Die Nummer eins in diesem Bereich: Simon Schlösser. Vermutlich wundert sich keiner drüber. Freddy Rudloff, ein Kenner der Szene am gesamten Mittelrhein und derzeit beim MTV Köln in der Oberliga (Gruppe 2) an der Seitenlinie, hatte es vor einiger Zeit mal so formuliert: „Ich glaube, jeder Trainer träumt davon, in der Oberliga einen Simon Schlösser auf der Mitte zu haben. Da kann man entspannt sitzen bleiben und den häufig einfach machen und entscheiden lassen.“
Entspannen und künftig eine ruhige Kugel schieben? Es sind zwei Dinge, die so gar nicht zu Simon Schlösser zu passen scheinen. Und der Strippenzieher, der ebenso gut in der Mitte die Fäden in der Hand halten wie auf der halblinken Position im Rückraum für Torgefahr sorgen kann, stellt zunächst klar, dass sein Wechsel wenig mit dem bisherigen Verein zu tun hat: „Das ist keine Entscheidung gegen die HSG Siebengebirge. Es sind ausschließlich private Gründe.“ Was der Lehrer für Sonderpädagogik sich, seiner Frau und den beiden Töchtern (vier und zwei Jahre alt) unter anderem ersparen will, ist der mit den Fahrten zum Training verbundene zeitliche Aufwand von rund eine Stunde – pro Strecke: „Es ist jetzt an der Zeit, das Private in den Vordergrund zu rücken.“ Nach dem festen Entschluss, hier die Gewichtung zu verändern, gab es vom Wohnort Bad Münstereifel im Kreis Euskichen bei der Suche nach einer Anschluss-Beschäftigung mit einem bestimmten handballerischen Niveau keine riesige Auswahl für den 32-Jährigen, der ja ein reiches Maß an Erfahrung in der 3. Liga in seinem Lebenslauf vorweisen kann: Die stammt aus seiner Zeit beim Neusser HV und beim Longericher SC sowie bei den Bergischen Panthern vor seinem Wechsel ins Siebengebirge im Jahr 2023. In der Saison 2021/2022 war er Simon Schlösser der beste Türschütze in der damaligen 3. Liga West. Grundsätzlich hat er vor, sein Wissen und sein Können wie bei den früheren Stationen mit der größtmöglichen Leidenschaft einzusetzen: „Für nur 50 Prozent oder so bin ich nicht der Typ. Ich will jedes Spiel gewinnen. Ich fühle mich gut, ich werde alles geben. Wichtig ist es, ein Ziel zu haben.“ Die Verantwortlichen haben ihn offensichtlich überzeugt, dass genau das in Palmersheim der Fall ist.
Weil das in der Gesamtbetrachtung wirklich so ist, wird sich etwa Peter Trimborn aus der direkten Arbeit mit der Mannschaft (noch weiter als in der laufenden Saison) zurückziehen und den Stab an den aus den eigenen Reihen stammenden Marco Meyer (25) weitergeben, der als Vertreter der nächsten Trainergeneration bereits seit einiger Zeit die meisten Entscheidungen rund ums Team alleinverantwortlich trifft. Peter Trimborn wäre allerdings nicht Peter Trimborn, wenn er als Handball-Verrückter nicht in einer anderen Funktion an Bord bliebe – und deshalb wird er die Entwicklung des TV Palmersheim nun als Sportlicher Leiter mittragen/vorantreiben. In dieser Funktion war er auch schon im „Fall Schlösser“ gewinnbringend unterwegs: „Wir hatten sehr angenehme und offene Gespräche und wir hatten auf jede Frage ein Antwort. Unser Gerüst steht.“ Eine dieser Fragen ging auf die sportliche Vision für die nähere Zukunft – und die Antwort passt(e) ins Bild, zumal alle Spieler aus dem Stammkader ihr Bleiben zugesagt haben. „Wir wollen in den nächsten zwei bis drei Jahren einen Schritt nach oben machen“, betont Trimborn, der damit nichts anderes als den Blick auf die Regionalliga meint. Nach dem Aufstieg in die Oberliga am Ende der Saison 2021/2022 hatten sich die Palmersheimer über die Ränge elf (25:35 Punkte), zehn (23:29) und acht (25:27) jetzt wenigstens eine weitere kleinere Steigerung und ein durchgehend positives Konto erhofft, doch die sieben Niederlagen hintereinander vom 29:38 bei der HSG Siebengebirge am 13. Dezember 2025 bis hin zum 21:36 gegen den 1. FC Köln am 21. Februar 2026 warfen die Mannschaft weit zurück und machten aus den einst 11:7 Punkten die schwierigen 11:21. Anschließend brachten immerhin die nächsten vier Spiele eine Art Wende und drei Siege aus vier Spielen, die das Konto auf die aktuellen 17:23 Zähler stellten (Platz acht). Trimborn weiß, dass dieser Stand nicht zu höheren Ansprüchen passt – und er macht für die Entwicklung die angespannte personelle Lage als eine Mischung aus Urlauben und Verletzungen verantwortlich: „Die Jungs, die da sind, machen einen super Job.“ Für die nahe Zukunft geht es darum, die laufende Serie vernünftig zu Ende zu bringen und möglichst den einen oder anderen Höhepunkt zu setzen – wozu besonders in den Heimspielen am 18. April gegen den Tabellenführer Siebengebirge und am 2. Mai gegen den Zweiten TuS Königsdorf eine gute Gelegenheit besteht.

Passt: Simon Schlösser macht auch im neuen Trikot eine gute Figur – und er trägt in Palmersheim weiter die Nummer 10. (Foto: TVP)
Simon Schlösser will demgegenüber noch alles für eine Rückkehr der HSG Siebengebirge in die Regionalliga geben – wobei ihm das schon einmal gelungen ist. Nach dem Abstieg am Ende der Saison 2021/2022 wollte die HSG in der Serie 2022/2023 direkt wieder hoch, musste jedoch als Zweiter dem damaligen Meister TSV Bayer Dormagen II den Vortritt lassen. Dann kam Schlösser von den Panthern – und am Ende der Saison 2023/2024 standen tatsächlich Meisterschaft und Aufstieg. Schmerzhaft für die HSG Siebengebirge: In der Saison 2024/2025 erwischte es die Mannschaft zum Abschluss eines wechselvollen Jahres erneut. Nun sind Schlösser und das gesamte Team von Trainer Lars Degenhardt dabei, diesen in der Summe durchaus etwas unglücklichen Betriebsunfall (erhöhter Abstieg) zu reparieren, und sie gehen nach der Pause durch die Oster-Schulferien mit einem hauchdünnen Vorsprung auf die Königsdorfer (36:4/35:5) in die letzten sechs Aufgaben. Selbstverständlich wünscht sich Schlösser sehr, dass es unter dem Strich reicht, aber von einem Selbstläufer geht er nicht aus: „Ich bin vorsichtig geworden. Den ersten Matchball haben wir nicht nutzen können.“ Nach der 30:33-Niederlage der HSG vor zwei Wochen gegen den TuS Königsdorf hatte vorübergehend sogar der Verfolger die besseren Karten – ehe der TuS zuletzt mit seinem 28:28 gegen den Sechsten MTV Köln II einen unerwarteten Ausrutscher einstreute. Für Simon Schlösser war es genau der Beweis dafür, was jedem passieren kann: „Wir müssen unsere Hausaufgaben machen.“ Das gilt auch am 18. April in Palmersheim, wo sie besonders handball-verrückt sind. „Da ist immer eine tolle Stimmung“, weiß Schlösser, der Ähnliches aus der Halle Sonnenhügel in Siebengebirge kennt – und für den derartige Spiele einfach ein Genuss sind. Diesmal wird er noch alles für die HSG auf die Platte bringen. In einem halben Jahr kann er die „Räuberbande“ und seine neue sportliche Heimat dann erst recht in vollen Zügen genießen. Und am Ende haben alle was davon.