Regionalliga Nordrhein
Warum Dormagen in Gefahr und das Derby für Aachen fast Nebensache ist
Tabellenführer trifft erst auf die Borussia und dann auf Refrath/Hand - die ihm in der Hinrunde drei Zähler abnahmen. Aufs Spiel beim HC Weiden sind die Gastgeber heiß und dem BTB gehts vor allem um Punkte.

In der Ruhe liegt die Kraft: Moritz Kasper, Krischa Leis, Trainer Peer Pütz und Co-Trainer Patrick Engel sind mit den Dormagenern im Unternehmen Meisterschaft voll im Plan. (Foto: Thomas Schmidt)

Oben ist noch nicht die ganze Luft raus, aber die Quote liegt irgendwo bei 95 Prozent oder noch ein bisschen darüber. Wenn alles so läuft wie in den vergangenen Wochen, dann wird der aktuelle Tabellenführer TSV Bayer Dormagen II (33:9 Punkte) in gut vier Wochen am 16. Mai auch als Erster durchs Ziel gehen. Das Team von Trainer Peer Pütz verlor zuletzt am 21. Dezember 2025 mit dem 31:33 bei der HSG Refrath/Hand (Achter/21:21) und es tourt im Kalenderjahr 2026 mit einer bemerkenswerten Konstanz durch die Serie – zehn Siege, ein Unentschieden, 21:1 Zähler. Dabei fertigte Dormagen selbst die Konkurrenz aus dem oberen Drittel ziemlich klar ab – jüngst 33:21 gegen die HSG am Hallo Essen (Zweiter/27:15), 32:24 beim OSC Rheinhausen (Dritter/28:14), 38:25 beim TV Korschenbroich (Vierter/26:16),Keiner der drei hat mehr nennenswerte Chancen, den Spitzenreiter einzuholen oder sogar zu überholen. Im Grunde fehlt sowohl den Korschenbroichern als auch den Essenern sogar noch ein Punkt mehr, weil sie nach den Niederlagen aus der Hinrunde auch den bei Punktgleichzeit am Ende entscheidenden direkten Vergleich verloren haben. Für den TVK steht aus dem ersten Teil der Saison ein knappes 27:28 in Dormagen in der Bilanz, für Essen ein 28:36 im Heimspiel. Daraus ergibt sich, dass der Klassenprimus vorwiegend alleine darüber entscheidet, ob der den Titel holt und damit das Recht zum Aufstieg in die 3. Liga erwirbt. Und falls dafür die bisherige Geschichte der Saison 2025/2026 als Maßstab gilt, stehen die Dormagener genau jetzt vor den beiden schwierigsten Teilen ihres Restprogramms. Am Samstag treten sie bei Borussia Mönchengladbach an – dem Aufsteiger, der als Zwölfter (13:29 Punkte) tief in den Kampf um den Klassenerhalt verstrickt ist und am 27. Januar die bisher letzte Mannschaft war, die dem TSV Bayer II beim 33:33 im Sportcenter vor dessen Serie von acht Siegen hintereinander einen Punkt abnehmen konnte. Am 26. April trifft Dormagen dann auf Refrath/Hand, das im gesicherten Mittelfeld völlig unbelastet auftreten kann und den Dormagenern von jenem Dezember-Sonntag kurz vor Weihnachten vermutlich noch ganz gut in Erinnerung ist. TSV-Coach Pütz wird sein junges Team natürlich intensiv darauf vorbereiten, dass ihnen keiner freiwillig die Punkte überlässt, und die stark gefährdeten Mönchengladbacher können sich das erst recht nicht erlauben. Favorit ist die Borussia mit Trainer Ronny Rogawska trotzdem nicht.

Vom Zwang, gewinnen zu müssen, verstehen sie auch in Aachen was – und inzwischen deutlich mehr, als es Trainer Simon Breuer und seiner Mannschaft lieb sein kann. Durch 7:1 Punkte aus den ersten vier Spielen im Jahr 2026 hatte sich der BTB unten wieder gut ins Geschäft zurückgekämpft, ehe die folgenden sieben Partien nur noch durchs 27:23 beim Schlusslicht VfL Gummersbach II (8:36) zwei weitere Zähler aufs stark im Minus stehende Konto (13:29) brachten. Und ausgerechnet jetzt, da den Aachenern unverändert das jüngste und letztlich zu einem Einspruch führende 27:28 gegen Refrath/Hand schwer im Magen liegt, steht eine Partie auf dem Programm, die gewöhnlich als Spiel der Spiele durchgeht – denn es ist Derbyzeit und die Aachener treten beim Nachbarn HC Weiden an (Sechster/25:17), der sich im Vergleich zum BTB in einer beneidenswerten Situation befindet. Den direkten Kontakt zur Spitze hat die Mannschaft von Trainer Marc Schlingensief zwar durch eine Serie von vier Niederlagen hintereinander verloren, doch sie konnte den Trend nach unten immerhin stoppen, weil sie am vergangenen Wochenende beim HC Gelpe/Strombach (Zehnter/18:24) einen 36:32-Sieg erzielte. Deshalb denken die Weidener auch wieder ein bisschen nach vorne. „Nach der Durststrecke der letzten Wochen drohte etwas die Luft raus zu sein“, sagt Schlingensief, „aber die Ergebnisse der anderen Teams führten dazu, dass wir zumindest noch in Reichweite für Platz zwei sind. Diese Chance wollen wir bis zum Schluss wahren und dafür ist ein Sieg im nächsten Spiel Pflicht.“

Vor den Aachenern hat er trotz deren misslicher Lage eine Menge Respekt: „Der BTB verfügt über eine gute Abwehr, was die Statistik zeigt. Es ist die drittbeste Abwehr der Liga. Hier müssen wir genau auf den Punkt unsere Konzepte ausspielen und vor dem Tor souverän bleiben. Entscheidend für den Spielverlauf wird sein, wie wir verteidigen. Stehen wir hier stabil und kommen in die Kontersituationen, haben wir gute Chancen auf den Sieg.“ Aachen stellt mit 621 Gegentreffern in 21 Spielen (Durchschnitt 29,57) tatsächlich nach Korschenbroich (584/27,80) und Dormagen II (586(27,90) den drittbesten Deckungsverband, kommt jedoch auf der anderen Seite mit dem zweitschlechtesten Angriff daher: Bei 564 erzielten Toren (Durchschnitt 26,85) weist lediglich der Letzte Gummersbach II einen schwächeren Wert auf (546/26,00). In der Summe spüren die Weidener trotzdem, dass sie vor einer ungewöhnlichen Begegnung stehen – und ein besonderes Entgegenkommen für den bedrohten Nachbarn steht aus der Sicht des HC dennoch oder gerade deshalb nicht ansatzweise zur Debatte. „Die Derbywoche ist immer etwas Besonderes, auch wenn man sich das nicht eingestehen möchte. Aber etwas mehr Kribbeln ist dann doch dabei als bei anderen Spielen. Das merkt man bereits im Training bei den Spielern und es wird Richtung Wochenende immer intensiver – auch beim bereits elften Derby, achtes Mal Liga und drei Mal Pokal, seitdem ich als Cheftrainer fungiere. Die Halle ist voll, die Stimmung ist gigantisch und das ist einfach nur geil. Natürlich beobachten wir die Situation in Aachen und für den Handballkreis und für uns wäre ein Abstieg von BTB sehr schade, aber beeinflussen wird uns das nicht. Der BTB soll in der Liga bleiben, aber Punkte werden wir nicht verschenken. Ich glaube, das würden sie auch nicht wollen. Wir werden natürlich auf einen hochmotivierten Gegner treffen.“

Diese Einschätzung dürfte zutreffen, obwohl die Aachener die chaotische Schlussphase und die Niederlage gegen Refrath/Hand bisher nicht richtig verdaut haben. „Das Spiel vom vergangenen Wochenende hallt natürlich irgendwo bei uns nach – auch, wenn wir wissen, dass uns das nicht weiterbringt. Das war ein herber Schlag vom ganzen Ablauf her, dass das noch mal aus der Hand gegeben ist, anstatt da uns eben Punkte zu sichern.“ Was aus dem auf den Weg gebrachten Einspruch wird, wissen die Aachener noch nicht – und es ist ohnehin nur ein kleiner Funke Hoffnung da, dass sich das 27:28 in irgendeiner Form revidieren lässt (etwa über ein Wiederholungsspiel). Insgesamt sehen sie es beim BTB diesmal fast als nebensächlich an, dass sie am Samstag in Weiden antreten müssen. „An sich ist das so ein bisschen sekundär, dass das jetzt ein Derby ist“, erklärt Trainer Breuer, „für uns geht es einfach darum, irgendwie Zählbares zu holen – egal, gegen wen. Da kommt vielleicht auch ein Derby zur rechten Zeit, wer weiß. Ich weiß, dass wir in den letzten Spielen in den meisten Fällen das Nachsehen hatten, aber vielleicht ist das genau der Moment, wo es mal passt. Für uns wäre es wichtig natürlich. Ansonsten bereiten wir uns ganz normal vor und wir wollen gar nicht zu sehr in diese Derby-Geschichte mit eingreifen, weil eben für uns andere Dinge Prioritäten haben aktuell.“ Zum größten eigenen Bedauern kann Breuer nicht mal vor Ort beeinflussen, was diesmal auf der Platte passiert: „Es ist so, dass ich zu 99 Prozent nicht dabei sein werde familiär bedingt. Deswegen ist das für mich noch mal eine ganz andere Nummer, dass ich da vorbereite, aber selber nicht dabei bin.“ 

In den besonders heißen Kampf gegen den Abstieg sind auf der Zielgeraden der Saison drei Vereine verwickelt – die allerdings „nur“ noch den zweiten Absteiger unter sich ausmachen, weil der Letzte VfL Gummersbach II (8:36) bei fünf Punkten Abstand zum rettenden Ufer und 3:21 Zählern aus zwölf Begegnungen im Jahr 2026 höchstens durch ein außergewöhnliches Wunder das Regionalliga-Ticket für 2026/2027 buchen kann. Und wie sehr sich die mit der bei Weitem jüngsten Mannschaft der Liga antretenden Gummersbacher selbst bereits mit dem Abstieg abgefunden haben, belegt ihr Verzicht auf die für Samstag geplante Partie bei der HSG am Hallo Essen. Weil der VfL nahezu parallel (Samstag, 16 Uhr) in der 2. A-Jugend-Bundesliga in München beschäftigt ist (Final-Rückspiel um den DHB-Pokal) und ein Ausweich-Termin offensichtlich nicht zustandekam, sagte er seinen Auftritt in Essen ab. Ergebnis: Die Essener kletterten vorübergehend durch zwei ohne Kampf gewonnene Punkte auf Platz zwei, der Tabellenletzte kassierte zwei Minuspunkte mehr und kam dem Abstieg wieder ein Stück näher. Vor dem Schlusslicht wäre aus einem Dreier-Paket nach dem Jetzt-Stand der SSV Nümbrecht als Elfter (15:27) und Borussia Mönchengladbach (13:29) als Zwölfter auf der „sicheren“ Seite, während die Aachener ebenfalls den Gang nach unten in die Oberliga antreten müssten. Es geht so eng zu, dass die Beteiligten bestimmt auch intensiv beobachten, was die anderen machen – die Aachener in Weiden, die Mönchengladbacher gegen Dormagen II und die Nümbrechter gegen Korschenbroich. Wiederum andere sind zwar weit weg von jeder Gefahr, aber mit dem Lauf der vergangenen Monate allenfalls sehr mäßig zufrieden – wie der TV Aldekerk (Neunter/20:22), dessen Konto durch die 37:40-Pleite beim SSV Nümbrecht wieder ins Minus abgerutscht ist. Trainer Tim Gentges sieht sich einerseits in einer Dauerschleife gefangen und andererseits bleibt er zuversichtlich: „Manchmal habe ich das Gefühl, ich höre mich wie eine Schallplatte an. Ich glaube, das wird auch noch einige Zeit so gehen, weil das immer einhergeht mit so einer jungen Mannschaft, da braucht man auch Geduld braucht und man muss denen auch Fehler eingestehen. Was uns fehlt, das ist diese Konstanz und dass wir stets auf einem gewissen Level agieren. Das heißt, dass die Vorbereitung auf die neue Saison eigentlich jetzt schon losgeht. Es geht einfach darum, den noch den höchstmöglichen Ertrag rauszuholen.“

Die Aufgabe bei der zuletzt wieder viel stabiler wirkenden und zuletzt vier Mal hintereinander siegreichen TSV Bonn rrh. (Siebter/22:20) dürfte die geeignete Prüfung für die Lernkurve der Aldekerker sein – und mit einem Spaziergang rechnet Gengtes dort sowieso nicht: „Wir bleiben dabei, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Wir wissen aber auch, dass wir gegen Bonn nur bestehen, wenn wir am Limit sind.“ Was passieren kann, wenn einer gegen die Bonner dieses Limit nicht erreicht, bekam am vergangenen Wochenende der OSC Rheinhausen zu spüren, der bei der TSV mit 30:32 verlor. OSC-Coach Sascha Wistuba war ehrlich und mäßig begeistert zugleich: „Wir sind natürlich in erster Linie enttäuscht, dass wir nicht an die Leistungen der letzten Spiele anknüpfen konnten und uns die Chance, Dormagen noch zu stürzen, vorerst versaut haben.“ Intakt sind dagegen immerhin noch die Chancen auf die Vizemeisterschaft, die der OSC nun im Heimspiel gegen den HC Gelpe/Strombach (Zehnter/18:24) verteidigen will. Ganz nebenbei ist der „Titel“ des Vizemeisters nach den Durchführungsbestimmungen des Verbandes nicht nur eine sehr gute Platzierung, sondern hilfsweise und theoretisch etwas wert: „Am Ende der Spielsaison 2025/2026 steigt der Meister der Regionalliga Männer direkt in die Dritte Liga auf. Verzichtet der Regionalligameister auf den Aufstieg in die Dritte Liga, darf alsdann maximal der Drittplatzierte der Regionalliga aufsteigen.“