Allstar Game 2026
Eriks „Leiden“: Und immer läuft der Analyse-Modus
Erik Wudtke ist Co-Trainer von Alfred Gislason und Chefcoach des Nationalteams U 18/U19. Der Nachwuchs liegt ihm wie die Basis sehr am Herzen. Am 31. Mai steht er beim Team Mittelrhein an der Seitenlinie.

Hör mal! Erik Wudtke bringt derart viel Fachwissen und Erfahrung mit, dass er selbst in der Freizeit fast immer im Dienst ist. Sein für den BTB Aachen spielender Neffe Noah Wudtke bekommt dann in der Tribünen-Besprechung offensichtlich hin und wieder den einen oder anderen Hinweis. (Foto: Thomas Schmidt)

Er kennt sie alle, selbst die ganz Großen des Handballs auf nationaler wie auf internationaler Bühne. Erik Wudtke weiß zum Beispiel, wie Andreas Wolff tickt, Deutschlands Torwart Nummer eins, oder wie Julian Köster und Miro Schluroff ticken, der demnächst zum THW Kiel wechselnde Kapitän des VfL Gummersbach und dessen natürlicher Nachfolger als wichtigster Führungsspieler im Oberbergischen. Und natürlich kennt der gebürtige Aachener auch Matthias Gidsel, den für die Füchse Berlin in der Bundesliga tätigen und aktuell besten Handballer auf diesem Planeten, der von 2023 bis 2025 drei Mal hintereinander zum Welthandballer gewählt wurde. Das alles hat zu tun mit Eriks beruflichem Betätigungsfeld, denn vor mittlerweile sechs Jahren ist er in der nationalen Trainerhierarchie zur Nummer zwei aufgestiegen – als Co-Trainer von Alfred Gislason, der damals die Nachfolge des kurz nach der Europameisterschaft 2020 (Platz fünf) entlassenen Christian Prokop angetreten hatte. Und wer Gislason/Wudtke bei Länderspielen großen Turnieren beobachtet, erkennt selbst aus der Ferne, dass sich hier zwei aufeinander verlassen und dass sie einander vertrauen. Die finalen Entscheidungen trifft Gislason, weil er der Chef ist, aber Erik Wudtke ist nicht nur der stille Beobachter, sondern eher der wertvolle Zulieferer aus dem Hintergrund – in dem er sich ganz gut aufgehoben fühlt. Außerdem geht es vorwärts unter Gislason/Wudtke, wie ein paar Stationen belegen: Aus in der Hauptrunde bei der EM 2022; Halbfinale bei der EM 2024 (hier 26:29 gegen Dänemark), später Platz vier nach 31:34 gegen Schweden; EM 2026 in der Hauptrunde 26:31 gegen Dänemark, Finale wiederum gegen Dänemark 27:34; Hauptrunden-Aus bei der WM 2021; Fünfter bei der WM 2023 nach 28:24 gegen Norwegen; WM 2025 in der Hauptrunde 30:40 gegen Dänemark, später Sechster nach 30:31 nach Verlängerung im Viertelfinale gegen Portugal; Olympia 2020 (ausgetragen erst 2021) Platz sechs nach 26:31 im Viertelfinale gegen Ägypten; Olympia 2024 in Paris, Silber nach 26:39 im Finale gegen Dänemark.

Auffällig an dieser Liste ist unter anderem, wie oft sich die deutsche Mannschaft an Dänemark abgearbeitet hat – am Nonplusultra in den vergangenen Jahren bei den Nationalmannschaften: Weltmeister 2019, 2021, 2023 und 2025, Europameister 2026, Olympiazweiter 2020, Olympiasieger 2024. Am Team aus Skandinavien mit so vielen Ausnahmespielern führte zuletzt kein Weg vorbei – was aus Wudtkes Sicht trotzdem lediglich eine Beschreibung des aktuellen Zustands ist und keineswegs als Gesetz für alle Zeit festgeschrieben sein muss. Und daraus hat der 53-Jährige einen Traum entwickelt, dem sich viele Mitstreiter und sowieso Alfred Gislason und die Mannschaft sofort anschließen: „Einmal bei einem großen Turnier gegen Dänemark zu gewinnen, wäre toll.“ Einiges spräche dann dafür, dass damit voraussichtlich mindestens eine Medaille und vielleicht sogar ein Titel verbunden wäre. Woran Erik ganz fest glaubt: Es wird den nächsten Matthias Gidsel geben und seiner Ansicht nach sogar auf einem – kaum vorstellbar – noch etwas höheren Niveau mit ein bisschen mehr Länge und Kraft ausgestattet etwa. „Vor zehn Jahren war Nikola Karabatic der beste Handballer der Welt“, erklärt Wudtke, „und der Handball hat seitdem noch mal eine enorme Entwicklung genommen.“ Dass von irgendwo plötzlich wie aus dem Nichts einer auftaucht, der die Besten der Besten aufmischt, hält Erik dagegen für ausgeschlossen. „Das ist in unserem heutigen System schwer möglich.“ Der vorerst letzte nicht durch nationale Sichtungen erfasste deutsche Spieler dürfte aus seiner Sicht der Kieler Rune Damke gewesen sein, der nie einem der früheren DHB-Kader angehörte und trotzdem beim THW seit inzwischen 14 Jahren zahlreiche Erfolge sammelte sowie mit der Nationalmannschaft unter anderem Silber bei Olympia 2024 und bei der EM 2026 holte.

Dass das Männer-Nationalteam immer wieder Personal einbauen kann, das aus der eigenen Nachwuchsförderung hervorgeht, ist für Erik Wudtke eine besondere Bestätigung der eigenen Arbeit und Laufbahn als Handball-Verrückter. Die umfasste für den erwachsenen Erik auch vier spielende Jahre beim Weidener TV sowie Stationen in Frankreich bei US Dunkerque und in Belgien beim HC Eynatten (dort zwei Mal Meister). Mit der MT Melsungen stieg Erik 2005 aus der 2. Bundesliga in die 1. Bundesliga auf, ehe er über die Ibbenbürener SpVg. (Spielertrainer) zur SG Hamburg-Nord (Spielertrainer) fand und dort im September 2007 in der Partie beim Ahrensburger TSV eine Schulterverletzung erlitt, sodass er seine aktive Karriere beenden musste. Als Trainer machte der einstige Mittelmann mit der guten Kombination aus Spielübersicht und Torgefahr natürlich weiter – erst in Hamburg, anschließend beim Drittligisten TuS Ferndorf, mit dem er 2014/2015 den Aufstieg in die 2. Bundesliga schaffte. Beim TSV Bayer Dormagen war Erik Wudtke sowohl Trainer (Jugend) als auch Jugend-Koordinator und Sportlicher Leiter – und in dieser Zeit ab Dezember 2015 „nebenbei“ als Co-Trainer von Markus Baur bei der Junioren-Nationalmannschaft unterwegs. Unter dem Strich war das der Beginn einer echten Liebe im Nachwuchsbereich des DHB und Silber bei der EM der U 20 im Jahr 2016 war bestimmt kein schlechter Einstieg. Silber gab es auch bei der WM der U 19 im Jahr 2019 sowie 2022 Bronze bei der EM U 18. Anschließend stieg Erik vorübergehend als Jugend-Nationaltrainer aus, um 2024 neben seiner Arbeit als Co-Trainer der Männer wieder als Cheftrainer der U 18/U 19 zurückzukehren. Das Ergebnis bei der WM U 19 in Ägypten war diesmal für alle überwältigend: Deutschland gewinnt im Viertelfinale mit 32:31 gegen Ungarn, im Halbfinale tatsächlich mit 32:30 gegen Dänemark und am 17. August 2025 in Kairo das denkwürdige Finale gegen Spanien mit 41:40 nach zwei Verlängerungen und einem Siebenmeterwerfen. Erik Wudtke käme zwar nie auf die Idee, diesen Triumph alleine für sich zu beanspruchen, weil er als Teamplayer denkt. Trotzdem tat ihm jener Sonntag nachvollziehbar gut. Was Grundsätzliches galt/gilt allerdings sowohl vorher als auch nachher: „Es macht mir sehr viel Freude, mit dem Nachwuchs zu arbeiten.“ Keine Frage ist für Erik Wudtke, dass der eine oder andere seiner Weltmeister-Schützlinge den Sprung in die U 21 von Martin Heuberger und später in den Kader von Alfred Gislason schafft, womit sich der Kreis schließt.

Im neuen Trikot: Erik Wudtke tauscht für zumindest diesen einen Tag am 31. Mai beim Allstar Game seine DHB-Dienstkleidung gegen jene des Teams Mittelrhein. (Foto: blickausloser)

Erik Wudtke weiß, wie es in der dünneren Luft ganz oben im Handball zugeht, und er sieht seine berufliche Zukunft weiter beim Nachwuchs „ab einer gewissen Altersklasse und ab einem gewissen Niveau“. Dass er dabei die Basis vergisst? Völlig undenkbar. „Ich bin sehr häufig bei Regionalligaspielen“, erklärt Erik beispielsweise. Grund Nummer eins inzwischen: Sein Sohn Kian spielt seit knapp einem Jahr in der U 23 des HSV Hamburg, die in der Regionalliga Nord schon weit vor dem Ende dieser Saison die Meisterschaft sowie den damit verbundenen Aufstieg in die 3. Liga unter Dach und Fach brachte. Grund Nummer zwei: Sein Neffe Noah spielt beim BTB Aachen in der Regionalliga Nordrhein und deshalb sitzt Erik, wann immer es ein Besuch in der Heimat zeitlich zulässt, bei Spielen seines Vereins aus der Jugend ebenfalls auf einer Tribüne: „Diesen Klub trägst du im Herzen.“ Dass die Aachener in dieser Saison bis zum Schluss um den Klassenerhalt zitterten, kam im Übrigen „erschwerend“ hinzu, denn Erik ist als Zuschauer selbst dann oder gerade dann nie entspannt: „Da läuft sofort der Analyse-Modus.“ Was er als Mittelrhein-Trainer zusammen mit Freddy Rudloff beim Allstar Game zu analysieren hat, lässt sich natürlich nicht genau vorhersagen. Ganz sicher ist seine Begeisterung für den 31. Mai aber ehrlich, denn sie kommt tief aus dem Inneren. „Ich freue mich da tierisch drauf“, sagt Erik Wudtke. Für ihn und Freddy die erste Aufgabe an diesem Tag: „Jeder soll die Chance bekommen, das Spiel zu genießen.“ Die zweite Aufgabe: „Wir hauen den Niederrhein weg.“ So viel Feuer muss sein. Danke, Erik, dass du dabei bist.