Allstar Game 2026
Tatort Duisburg: „CJ“ und das irre Krimi-Ende
Team Mittelrhein gewinnt übers Siebenmeterwerfen mit 29:27 gegen Team Niederrhein. Aachens Carsten Jacobs sorgt für die Entscheidung in einem denkwürdigen Spiel.
Jacobs von Bahr

Entscheidungsträger: Aachens Carsten Jacobs (rechts) verwandelte den Siebenmeter zum Sieg für den Mittelrhein, Vincent Schimanski (links) war für den Niederrhein der Spieler des Spiels. (Foto: @babas_Fotos)

Dieser Wahnsinn hat offensichtlich Methode. Erklären lässt sich das alles nicht und ein derart auf Drama gestricktes Drehbuch kann sich auch keiner ausdenken. Im Zeitraffer reisen wir rasch ein Jahr zurück. Am 17. Mai 2025 steigt das Allstar Game in der Solinger Klingenhalle. Der Mittelrhein führt in der 44. Minute mit 24:20. Es folgt eine irre Aufholjagd des Niederrheins – und am Ende geht es nach 60 Minuten mit einem 32:32 ins Siebenmeterwerfen. Hier geht der Mittelrhein leer aus, während der Niederrhein drei Versuche versenkt, ein 35:32 auf die Anzeigetafel stellt und doch noch als Sieger von der Platte geht. Die 1000 Handball-Fans auf den Tribünen feiern beide Teams mit voller Leidenschaft, denn sie werden Zeugen eines außerordentlichen Abends. Nun sind wir in der Jetzt-Zeit, zwölf Monate später, 31. Mai 2026. Und die Geschichte wiederholt sich. Allerdings in der Halle an der Krefelder Straße 86 in Duisburg-Rheinhausen mit umgekehrten Vorzeichen: In der 54. Minute verwandelt der vom Strich unfassbar sichere Dusan Maric (Interaktiv.Handball) einen Siebenmeter zum 25:22. Und natürlich reicht es wieder nicht zum Sieg (auf die Einzelheiten gehen wir später noch ein). Der Mittelrhein, der nicht mal ansatzweise ans Aufgaben denkt, macht in den letzten drei Minuten aus einem 24:26 (58.) ein 26:26 (60.) und erzwingt dadurch ein Siebenmeterwerfen. Dort gelingt dem Niederrhein nur ein Treffer, während der Mittelrhein alle drei Versuche verwandelt und dann einen 29:27-Erfolg feiert. Das Finale ist das großartige Ende einer faszinierenden Show, die wir uns bestenfalls erhofft hatten – für die Mannschaften, für die rund 1200 Fans. Und für uns ist damit ein Traum in Erfüllung gegangen. Danke an die Spieler, danke an die Trainer, danke an alle, die uns unterstützt haben. So ist Handball einfach die geilste Sportart der Welt. Genau das nach draußen zu tragen, war unsere Idee in Zusammenarbeit mit unseren Partnern Stanno und OSC Rheinhausen. Dass sie so zündet, produziert ein Gefühl echter Gänsehaut.

Da ist der Pott: Kai Frauenrath, David Denert, Alexander Koch, Elvan Kromberg, Marius Többen und Franz Krohn (von links) wollten den Siegerpokal nur ungerne wieder hergeben. (Foto: @babas_Fotos)

In den Tagen danach beginnen wir langsam zu begreifen, was da wirklich passiert ist. Stück für Stück kehrt auch zurück, dass die Monate davor für alle, die daran mitgewirkt haben, eine Menge Arbeit waren. Und natürlich sind ein paar Dinge nicht reibungslos gelaufen – wobei manche ja sogar behaupten, dass Perfektion langweilig sein soll. Als dann aber die Mannschaften das Feld zum Warmmachen betreten und die Schiedsrichter Denis und Dustin Seidler aus Solingen das Spiel um kurz nach 16 Uhr anpfeifen, steht endgültig fest: Es läuft, jetzt kann nichts mehr schiefgehen. Dabei liegt die Latte inzwischen ziemlich hoch, weil die „Fliegenden Homberger“ mit ihrem Auftritt aus der Show-Akrobatik in dem Teil, der im neueren Deutsch vermutlich „Pre-Game-Show“ heißen würde, die eher dem Handball verbundenen Zuschauer schon mal nachhaltig von den Sitzen reißen. Ob das für unsere beiden Mannschaften ein zusätzlicher Anreiz war? Gespürt haben wir auf jeden Fall dieses Feuer und diese Leidenschaft, diese Lust am Mitmachen, diese Bereitschaft, alles für dieses Ereignis zu investieren. Danke, dass wir dabei sein durften, wie sich zwei tolle Mannschaften über 60 Minuten beharkten und trotz aller Vorsicht/Rücksichtnahme hin und wieder bis an die Grenzen des Erlaubten gingen. Geschenke für den anderen gab es bei durchaus beherztem Zupacken keine, dafür die eine oder andere Zeitstrafe und den einen oder anderen Siebenmeter. Probleme für die Unparteiischen? Null. Seidler/Seidler haben in ihrer Karriere, die sie über kurz oder lang in die HBL führen wird, sicher schon schwierigere Aufgaben gelöst. Sie waren wirklich mittendrin und nicht nur dabei. Vom respektvollen Umgang mit Unparteiischen ist oft die Rede. Hier war sie – wie selbstverständlich – gelebte Wirklichkeit. Das passte perfekt zu dieser Partie, bei der beide Teams auch tiefer in die Trickkiste griffen: Bereits der Auftakt mit dem 1:1 (2.) durch den von Dusan Maric vollendeten Kempa-Trick lieferte den Beweis dafür, was Harzhelden-Handballer draufhaben.

Sieger und „Besiegte“: Echte Verlierer gab es nach dem Allstar Game offensichtlich keine. (Foto: @blickausloeser/@stanno.deutschland)

Vor unseren Augen läuft weiter der Spielfilm dieses besonderen Sonntags ab – vom dem wir ja wissen, wie das Ende aussehen wird. Der Niederrhein kassiert zwar das 0:1 (1.), lässt sich jedoch nicht aus der Bahn werfen. Die Trainer Michael Hegemann (Weltmeister von 2007/demnächst VfL Gadbeck) und Mirko Szymanowicz (HSG VeRuKa), der im Übrigen relativ bald in den Spielertrainer-Modus wechselt und kräftigst mitmischt, rührt defensiv fast eine Art Beton an, sodass  Geschwindigkeits-Überschuss und Pass-Schnelligkeit des Mittelrheins nicht immer den erhofften Erfolg bringen. Beim 7:11 (19.) scheint der Mannschaft von Erik Wudtke (DHB) und Freddy Rudloff (Pulheimer SC) die Partie schließlich zu entgleiten, aber es handelt sich um eine vorübergehende schwächere Phase mit ein paar Fehlern zu viel. Das 14:14 am Ende der ersten Halbzeit lässt beiden sämtliche Möglichkeiten offen und der zweite Abschnitt bietet zuerst ein Duell auf Augenhöhe. Natürlich besonders gefeiert: Als Niklas Adolph (TV Palmersheim) das 16:15 (35.) für den Mittelrhein erzielt, legt die Palmersheimer „Räuberbande“ auf der Tribüne noch mal an Lautstärke zu – was für sich genommen auch ein Kunststück war. Aus dem 20:20 (44.) macht der Niederrhein das 24:21 (50.) und jenes 25:22 von Dusan Maric. Die Entscheidung? Eben nicht. Der Mittelrhein kann zum 25:26 (58.) verkürzen, ehe sich Elias Eiker für den Niederrhein die Gelegenheit zur Entscheidung bietet. Sein Pech: Der Wurf landet genau 80 Sekunden vor der Schluss-Sirene nicht im Tor, sondern am Pfosten. Ob der Mittelrhein zwei Tore Rückstand noch aufgeholt hätte? So kommt, was kommen musste – und worüber wir im Sinne der Spannung nicht böse sein konnten: Auszeit Mittelrhein (60.), 26:26-Ausgleich Mittelrhein (60.), Auszeit Niederrhein (60.), Ende, Siebenmeterwerfen. Was selbst das zu was Besonderem macht: Es gehören zwei Spieler zu den Hauptdarstellern, die vorher keine einzige Sekunde mitmachen konnten.

Wir schaffen das! Niederrhein-Torhüter Sven Bartmann irrte sich aber, denn trotz seiner guten Paraden gewann der Mittelrhein. (Foto: @babas_Fotos)

Pechvogel eins: Oliver Dasburg, in den vergangenen Jahren der Dreh- und Angelpunkt sowie Haupttorschütze des Drittligisten TuS 82 Opladen. Der 27-Jährige, in der Schlussphase der Saison bereits nicht mehr im Einsatz, wird wegen immer wieder auftretender massiver Schulterprobleme sogar mit dem Handball aufhören. Trotzdem war er als Motivator von draußen fester Bestandteil des Teams – das ihn im Gegenzug als ersten Siebenmeter-Werfer des Mittelrheins nominierte. Pechvogel Nummer zwei: Lukas Hüller, der vor einem Jahr von der damals in die 2. Bundesliga aufgestiegenen HSG Krefeld Niederrhein zum OSC Rheinhausen gekommene Torschützenkönig der Regionalliga 2025/2026, wird zwar so bald wie möglich auf die Platte zurückkehren, braucht dazu allerdings wegen einer Muskelverletzung noch den einen oder anderen Monat Geduld. Trotzdem war er von Beginn an ein fester Bestandteil unserer Idee Allstar Game – und sein Team nominierte ihn deshalb als ersten Siebenmeter-Werfer des Niederrheins. Wir drücken es mal so aus: Alleine das war großer Sport. Beide belohnten sich und ihre Mannschaft im Übrigen wie erhofft: Während Dasburg begann und mit dem 1:0 im Siebenmeterwerfen gegen Sven Bartmann (TV Korschenbroich) im Kasten das letzte Tor seiner Karriere erzielte, freute sich direkt darauf der ebenfalls mit der gebotenen Vorsicht antretende Lukas Hüller diebisch übers 1:1 gegen Keeper Elvan Kromberg (TuS Königsdorf). Was beide hier noch nicht wussten: Das wars für den Niederrhein. Vorletzter Akt: Volker Hermanns (Birkesdorfer TV) trifft gegen Sven Plath (ASV Süchteln) zum 2:1 für den Mittelrhein und dessen Schlussmann Kromberg wehrt den Versuch von Konrad Thelen (TV Aldekerk) mit einem Reflex ab. Letzter Akt: Carsten Jacobs (BTB Aachen) tritt gegen Sven Bartmann an – und entscheidet das Duell der 34 und 39 Jahre alten Routiniers mit dem Treffer zum 3:1 im Siebenmeterwerfen für sich, sodass nun ein 29:27 für den Mittelrhein auf der Anzeigetafel steht. Bruchteile von Sekunden darauf ist „CJ“ in einer Traube von Mitspielern verschwunden. Der Mittelrhein feiert den Sieg im Allstar Game wie eine Meisterschaft. Was der Niederrhein mitnehmen kann außer dem Maxi-Kompliment, dasselbe zu einer tollen Veranstaltung beigetragen zu haben? Eine Jury kürt Vincent Schimanski (TV Geistenbeck) völlig verdient zum Spieler des Spiels.

Durchblick: Gerhard Terbuyken,der mit seiner SG Monheim in der Verbandsliga unterwegs ist, saugte jede Einsatz-Minute voll in sich auf. (Foto: @blickausloeser/@stanno.deutschland)

Was uns stolz macht, sind auch die vielen positiven Reaktionen nach dem Spiel – von Trainern, von Spielern, von Zuschauern. Es sind hier ein paar Blicke im Vorbeigehen, dort ist es ein kurzes Abklatschen – von denen, die gewonnen haben, und von denen, die nicht gewonnen haben. Aber gab es überhaupt irgendeinen richtigen Verlierer? Die Stimmung in den Teams war cool, die Stimmung unter den Trainern genauso, die außerhalb des Spielfelds sowieso. Stellvertretend für alle zitieren wir an dieser Stelle Erik Wudtke, der als Co-Trainer von Alfred Gislason und Jugend-Nationaltrainer U 18/U 19 ansonsten eher auf sportlichem Profi-Niveau unterwegs ist: „Es war mir eine Ehre, dass ich dabei sein durfte. Ich habe auch ein gutes Spiel gesehen. Das hat Spaß gemacht.“ An die Mannschaft hat er diese Worte gerichtet: „Nicht die Nationalspieler oder Bundesliga-Stars, sondern Menschen wir ihr sind es, die den Handball tragen und es Menschen wie mir ermöglichen, große Erfolge feiern dürfen.“ Das ist, auf den Punkt gebracht, einer der Gründe, warum wir das Allstar Game und seinerzeit das Projekt Harzhelden ins Leben gerufen haben. Danke an alle, die mit uns für einen würdigen Abschluss der Saison 2025/2026 gesorgt haben. Zum Schluss gehen wir mal davon aus, dass nun der eine oder andere zumindest für ein paar Wochen ein bisschen weniger Bock auf Handball hat und sich lieber erholen mag. In der Realität geht am 19./20. September die neue Saison los. Wir wünschen allen, dass sie sich dann immer noch an dieses Allstar Game erinnern und vielleicht ein Stück davon mit in den „Alltag“ des Handballs nehmen können.

 

Die Mannschaften

 

Niederrhein

Trainer: Michael Hegemann, Mirko Szymanowicz; Torhüter: Sven Bartmann (TV Korschenbroich), Sven Plath (ASV Süchteln); Linksaußen: Glenn Dautermann (Meerbuscher HV), Konrad Thelen (TV Aldekerk); Rückraum links: Mika Petersen (TuSEM Essen), Gerhard Terbuyken (SG Monheim); Rückraum Mitte: Lukas Hüller (OSC Rheinhausen), Vincent Schimanski (TV Geistenbeck); Rückraum rechts: Elias Eiker (DJK Adler Königshof), Torsten Sanders (HSG Wesel); Rechtaußen: Bruno Zavada (TV DJK Krefeld-Oppum), Dusan Maric (Interaktiv.Handball); Kreis: Matthias Meurer (DJK Adler Königshof), Aaron Jennes (Borussia Mönchengladbach), Marvin Lüttke (TV Geistenbeck).

 

Mittelrhein

Trainer: Erik Wudtke (DHB), Freddy Rudloff (MTV Köln/seit 1. Juni Pulheimer SC); Torhüter: Pascal Boldt (1. FC Köln), Elvan Kromberg (TuS Königsdorf); Linksaußen: Kai Frauenrath (HC Weiden), Volker Hermanns (Birkesdorfer TV); Rückraum links: Moritz Holtermann (1. FC Köln), Oliver Dasburg (TuS 82 Opladen); Rückraum Mitte: David Denert (BTB Aachen), Alexander Koch (Wölfe Voreifel); Rückraum rechts: Sven Xhonneux (HC Weiden), Carsten Jacobs (BTB Aachen); Rechtsaußen: Niklas Adolph (TV Palmersheim), Franz Krohn (TSV Bonn rrh.); Kreis: Marius Többen (TuS Königsdorf).