Harz beiseite
Irrer Krimi: Fabian Neher ist der König von Salerno
Team der Uni Duisburg-Essen erlebte als Fünfter bei den EUSA Games eine Menge auch neben der Platte. Sein Rückraumspieler lag am Ende bei 45 Toren um Millimeter vor dem Rumänen Botond Balazs.

Im Anflug: Fabian Neher war genau 45 Mal gar nicht mehr von einem Tor abzuhalten. Zur neuen Saison steht der Essener, der zuletzt für den Regionalligisten VfL Gladbeck unterwegs war und vor ein paar Monaten aus beruflichen Gründen in den Norden gezogen ist, im Kader des Drittligisten HG Hamburg-Barmbek. (Foto: EUG Salerno 2026)

Sicher hatten sie zumindest zwischendurch doch an einen größeren Wurf und eine Medaille oder sogar das Finale gedacht – obwohl die Latte nach Silber von 2024 schon einigermaßen hoch lag und die Mannschaft in Teilen neu zusammengebaut war. „Natürlich wünschen wir uns immer ein bisschen mehr“, gab Trainer Nelson Weisz zu, „gerade wenn man nur mit einer Niederlage aus dem Turnier geht, dann hofft man, dass die nicht im Viertelfinale passiert.“ Nach echtem Frust klang Weisz trotzdem nicht, weil sich keiner nach der durchaus fordernden Woche bei den EUSA Games in Salerno (Italien) viel vorzuwerfen hatte. Ein erkennbares Problem hatte die Mannschaft der Uni Duisburg-Essen weder im Bereich Lust auf Handball noch bei Einsatz oder Leidenschaft – alles war ausreichend vorhanden. Und dass ein paar hochprozentige Möglichkeiten eben nicht zu einem Treffer führen, kommt ja im „richtigen“ Handballer-Leben genauso vor und sorgt bei vielen Trainern an der Seitenlinie ebenfalls für graue Haare. Weisz stellt es ohne den geringsten Anflug von Ärger fest: „Das Viertelfinale war das Spiel, wo wir – wie im ganzen Turnier – viele Chancen ausgelassen haben. Gerade im Viertelfinale hat man auch gemerkt, dass wir viele junge Leute dabei haben.“ So konnte der Sieger der Vorrunden-Gruppe A eine 25:28-Niederlage gegen Zagreb nicht verhindern, obwohl er über weite Strecken der Partie auf Augenhöhe unterwegs war und noch sechs Minuten vor der Schluss-Sirene beim 23:23 oder in der 59. Minute beim 25:26 selbst für einen Erfolg in Frage kam. Eine intakte Moral und den Willen, sich durchzubeißen, bewies Duisburg-Essen nach dieser Niederlage ein weiteres Mal, denn in der Platzierungsrunde fünf bis acht gewann sie zuerst mit 34:28 gegen Dresden und zum Abschluss insgesamt ungefährdet mit 35:32 gegen Zürich. 

Ob Team und Begleiter einen Trostpreis brauchten? Vermutlich nicht so dringend. Das galt dann nicht nur für Nelson Weisz, der sich wie seine Spieler nach dem Aufenthalt am Golf von Salerno mehr als nur zufrieden zeigte: „Wir haben eine gute Entwicklung gemacht, die ganzen neuen Spieler haben sich gut integriert. Es hat echt viel Spaß gemacht, auch wenn es sehr anstrengend war. Ende der Woche waren auch einige krank, wir haben es aber trotzdem echt gut durchgezogen und die Platzierungsspiele noch gewonnen.“ Rein sportlich waren die Uni-Handballer aus dem Ruhrgebiet außerdem an einem Krimi der besonderen Art beteiligt – hier vertreten durch ihren Rückraumspieler Fabian Neher (26), der sich ein unfassbar spannendes Fernduell mit Botond Balazs von der Universität Stefan cel Mare in Suceava lieferte. Neher, der zum Auftakt gegen Oslo mit sechs Toren (darunter fünf Treffer per Siebenmeter und vier verwandelte Strafwürfe in der Endphase) begonnen hatte, stand nach seinen fünf Treffern im Spiel um den fünften Platz gegen Zürich bei 45 Toren aus fünf Partien. Einholen konnte ihn an der Spitze nur noch der Rumäne Botond, der im großartigen und begeisterenden Finale gegen die University of Alicante (Spanien) eine Hauptrolle einnahm. Erstens: Nach der Regel-Spielzeit von zweimal 30 Minuten stand ein 40:40 auf der Anzeigetafel. Zweitens: Balazs stand nach seinen vorherigen 30 Treffern aus vier Spielen nach dem 38:37 in der 56. Minute bereits bei zwölf Toren. Drittens: In der ersten Verlängerung ging er leer aus. Viertens: In der zweiten Verlängerung überwies Balazs „nur“ das 45:45 auf sein Konto, das er in den übrigen eineinhalb Minuten bis zum Endstand von 46:46 nicht mehr auffüllen konnte. Das 49:48 im folgenden Siebenmeterwerfen reichte kurz darauf nicht mehr, um Fabian Neher vom Torjäger-Thron zu stoßen. Weil Suceava jedoch als Titelverteidiger ein 4:3 im Siebenmeterwerfen und damit einen 50:49-Sieg feiern durfte und darüber hinaus zum besten Spieler des Turniers bestimmt wurde, dürfte die Welt auch für Balazs in Ordnung gewesen sein. 

UDE-Coach Weisz nahm rund um das Drama mit dem Torschützenkönig noch einmal einige spannende Erkenntnisse/Momente mit. Die fällige Ehrung für den erfolgreichsten Werfer der Europameisterschaften hätte Fabian Neher normalerweise verpasst – weshalb die Gastgeber beschlossen, an dieser Stelle einzugreifen. „Das war richtig knapp“, sagt Weisz, „wir konnten gar nicht hinfahren, weil die Zeit nicht gereicht hat. Dann haben die gemerkt, dass Fabian Neher das vielleicht wird, und sie haben mir und ihm noch einen Extra-Shuttle organisiert zur Spielhalle.“ Beim Blick über den Zaun fiel ihm vor allem das hier auf: „Prinzipiell hat man wieder gemerkt, dass der Stellenwert des Uni-Handballs in anderen Ländern einen ganz anderen Stellenwert hat als bei uns. Bei manchen Ländern gibt es staatliche Unterstützungen und das wird auch gepuscht.“ Ob sich daran hierzulande was ändern wird? Keiner weiß es. Was allerdings alle wissen: Der Start bei den Uni-Europameisterschaften war erneut eine in jeder Hinsicht lohnende Angelegenheit. „Auch neben dem Feld hat es echt Spaß gemacht“, betont Nelson Weisz, „wir haben viele neue Mannschaften kennengelernt aus verschiedenen Ländern. Wir waren Frauenfußball gucken, wir waren Beachvolleyball gucken, wir waren 3×3 gucken, wir sind mit anderen Mannschaften zusammen unterwegs gewesen – gerade aus Mainz, dem Frauenball. Das hat sehr viel Spaß gemacht und es ist echt immer wieder eine Reise wert am Ende. Und natürlich waren wir auch abends immer gut an der Moonshine Bar.“ Letzteres kann so stehenbleiben, denn es spricht für sich.

Die wilden 19: Für Fabian Reese, Nelson Weisz, Bennet Schober, Nik Dreier, Aaron Scherz, Steffen Brinkhues, Fabian Neher, Jonas Kolski, Claudius Alexander Mittich, Timo Kohl, Yuriy Zolotarevskiy (hinten, von links), Nik Dreier, Mika Petersen, Albin Xhafolli, Luca Steffel, Sebastian Büttner, Nick Buchmüller, Benjamin Kahl und Ben Terwint (vorne von links) war die Woche in Salerno ein Sommer-Höhepunkt. (Foto: EUG Salerno 2026)

Das Aufgebot in Salerno, Tor: Sebastian Büttner (TuS Lintorf/2024 dabei), Nick Buchmüller (TV Aldekerk), Luca Steffel (DJK Adler Königshof); Linksaußen: Benjamin Kahl (zuletzt TV Aldekerk), Jonas Kolski (DJK Adler Königshof/2024 dabei); Rechtsaußen: Aaron Scherz (OSC Rheinhausen); Kreis: Nik Dreier (HSG Am Hallo Essen), Timo Kohl (HSV Überruhr), Etrit Xhafolli (HSG VeRuKa); Rückraum links/Mitte/rechts: Steffen Brinkhues (zuletzt TV Korschenbroich/2024 dabei), Fabian Neher (HG Hamburg-Barmbek/zuletzt VfL Gladbeck), Mika Petersen (OSC Rheinhausen), Ben Terwint (OSC Rheinhausen), Bennett Schober (TuS Bommern), Albin Xhafolli (HSG VeRuKa); Trainer: Nelson Weisz; Betreuer/Mann für alle Fälle: Fabian Reese; Mannschaftsarzt: Yuriy Zolotarevskiy.

 

Spiel um Platz fünf: UDE – Swiss Federal Institute of Technology in Zürich (Schweiz) 35:32 (19:11).

UDE: Büttner, Steffel, Buchmüller – Scherz (3), Terwint (3), Kolski (1), Petersen (5), Brinkhues (3), Xhafolli, Neher (12/2), Dreier (5), Kahl (1), Mittich (2).

Halbfinale Runde Platz fünf bis acht: UDE – Technische Uniersität Dresden 34:28 (18:14).

UDE: Büttner, Steffel, Buchmüller – Scherz (7), Terwint (1), Kolski (4), Petersen (4), Etrit Xhaffoli, Brinkhues, Albin Xhafolli, Neher (10/3), Dreier (4), Kahl, Schober (1), Mittich (1), Kohl (2).

Viertelfinale: UDE – University of Zagreb (Kroatien) 25:28 (13:14).

UDE: Büttner, Steffel, Buchmüller – Scherz (2), Terwint (4), Kolski, Petersen, Etrit Xhaffoli, Brinkhues, Albin Xhaffoli (3), Neher (8/5), Dreier, Kahl (6), Schober (2), Mittich, Kohl.

Vorrunde, Gruppe A: UDE – University of Salerno (Italien) 45:23 (17:9).

UDE: Büttner, Steffel, Buchmüller – Scherz (8), Terwint (2), Kolski (4), Petersen (1), Etrit Xhaffoli (1), Brinkhues (3), Albin Xhaffoli (5), Neher (9/2), Dreier (4), Kahl (4), Schober (3), Mittich (1), Kohl.

Vorrrunde, Gruppe A: University of Oslo (Norwegen) – UDE 26:28 (13:12). 

UDE: Büttner, Steffel, Buchmüller – Scherz, Terwint (5), Kolski, Petersen, Brinkhues (1), Albin Xhaffoli (4), Neher (6/5), Etrit Xhaffoli (1), Dreier (2), Kahl (4), Schober (1), Mittich (3), Kohl (1).