3. Liga
Saisonstart: Der Handball gewinnt – aber nur auf der Platte
Vor dem Beginn der Serie 2026/2027 gibt es viele offene Fragen. Klar ist, wer um den Klassenerhalt kämpft - unter anderem der Aufsteiger TSV Bayer Dormagen II, Interaktiv.Handball und der TuS 82 Opladen.

Startklar: Der aus der eigenen A-Jugend fest in die erste Mannschaft beförderte Keeper Till Windeck steht mit Interaktiv vor einer herausfordernden Saison. Direkt der Auftakt bringt in Krefeld eine der höchsten möglichen Hürden. Mit schwierigen Aufgaben starten aber auch die Opladener beim TV Kirchzell und die Dormagener bei der TSG Münster. (Foto: Thomas Schmidt)

Es gab dereinst eine Sendung im 3. Fernseh-Programm, produziert vom Westdeutschen Rundfunk. „Zimmer frei“ mit Christine Westermann und Götz Alsmann, bei denen sich regelmäßig ein neuer Gast um eine Unterkunft bewerben konnte, erlangte über die Jahre hinweg einfach Kultstatus. Und zentraler Bestandteil war dabei ein Einspieler mit einem Freund oder mindestens sehr guten Bekannten des „Wohnungssuchenden“. Titel: „Die ultimative Lobhudelei.“ Selbstredend ging es hier nur darum, den Betreffenden vorwiegend über seine besten Seiten zu schildern (gerne mit Witz und einem Augenzwinkern). So oder zumindest ähnlich lesen sich derzeit auch die Beiträge des Deutschen Handball-Bundes zu den Themen Handball.net oder Handball360, der etwa in der Regionalliga Süd-West bereits am vergangenen Wochenende erfolgt ist. Ein Beispiel: „Premiere geglückt. Wir fühlen uns in der getroffenen Entscheidungen bestätigt. Dieses erste Wochenende macht Lust auf die nächsten Spiele.“ Allüberall werden die Vorzüge/Fortschritte hervorgehoben, als stünde der Handball ohne eine bundesweite System-Vereinheitlichung vor dem Aus. Zur Wahrheit gehört aber auf jeden Fall dies: Inzwischen haben mehrere Landesverbände wegen der zahlreichen und immer wieder auftauchenden Probleme beschlossen, für 2026/2027 vorsichtshalber lieber mit dem bisherigen System Nuliga weiterzuarbeiten. Wie sich das alles entwickelt bis zum Beginn der Serie zum Beispiel in der Regionalliga Nordrhein am 19./20. September oder gar in den unteren Klassen auf Kreisebene, ist eine ziemlich spannende Frage. Eine Teil-Antwort auf den Stand der Dinge bekommen allerdings deutlich früher die Drittligisten, die bereits an diesem Wochenende in die Meisterschaft starten. Und es gibt mittlerweile sogar einen echten Spielplan.

Ob die angebotene Seite für Spielpläne und Ergebnisse als übersichtlich gelten kann, mag im Auge des Betrachters liegen. Wer an die richtige Stelle gelangen will, braucht auf jeden Fall ein wenig Geduld und ein gutes Auge. Wer dann die 3. Liga Süd-West entdeckt hat und beim ersten Spieltag angekommen ist, sieht als „Eröffnungsspiel“ das für den Samstag um 19 Uhr angesetzte Treffen zwischen der HSG Dutenhofen-Münchholzhausen II und dem HLZ Friesenheim-Hochdorf II. Jeweils um 19.30 Uhr sollen beginnen die Partien HSG Krefeld Niederrhein gegen Interaktiv.Handball, TV Kirchzell gegen TuS 82 Opladen, HG Saarlouis gegen Bergische Panther und Saase3 Leutershausen gegen HV Vallendar, während der Vorjahres-Dritte Longericher SC um 20 Uhr zum Abschluss des Tages auf die HSG Rodgau Nieder-Roden trifft. Ganz am Ende der Auftakt-Paarungen wird es dann einigermaßen irreführend: Dem Duell zwischen dem Aufsteiger TSV Bayer Dormagen II und der TSG Münster ist der 12. Dezember um 18 Uhr zugeordnet. Startet die Mannschaft von Trainer Peer Pütz also verspätet in die Saison? Keine Überraschung: Mitnichten. Im Gegenteil. Sie eröffnet das Ganze sogar. Aufgrund eines Heimrechttauschs tritt Dormagen zuerst in Münster an – am Freitagabend um 20.15 Uhr. Jener Dezember-Termin markiert dafür den Rückrunden-Start.

Dem gesamten Vorhaben 3. Liga sehen die Dormagener im Übrigen insgesamt relativ gelassen entgegen. Dass sie keine derart dominierende Rolle (neun Punkte Vorsprung auf den Vizemeister TV Korschenbroich) spielen werden, ist allen sowieso klar – und realistisch kann es nur darum gehen, sich in der Klasse zu behaupten und sich möglichst aus dem direkten Kampf gegen den Abstieg mit allen dort zu findenden Wagnissen herauszuhalten. „Wir freuen uns auf die Herausforderungen der 3. Liga, auch auf unsere jungen Spieler, dass sie sich auf einem noch höheren Niveau beweisen und sich da einfach gut weiterentwickeln können. Die Vorbereitung lief soweit ganz gut. Wir hatten zuletzt noch mal ein, zwei Verletzungsprobleme, sodass wir da jetzt noch ein bisschen umdisponieren und uns noch ein bisschen neu einspielen müssen. Wir starten ja mit vier Auswärtsspielen in Folge – wegen Heimrechttausch. Gerade der Saisonbeginn wird aus den beiden Gründen schon anspruchsvoll, aber wir freuen uns trotzdem immer auf die Saison und wir glauben einfach, dass das für die jungen Spieler einfach der ideale Weg ist, um sich dann weiter auch hoffentlich Richtung Zweite Liga entwickeln zu können.“

Wie sich ein Aufsteiger behaupten kann, hat in der vergangenen Saison der damals ebenfalls nach oben gekletterte Regionalliga-Meister Interaktiv.Handball beeindruckend vorgemacht. Das Team von Trainer Filip Lazarov landete am Ende mit einem ausgeglichenen Konto (30:30 Punkte) als Achter in der oberen Tabellenhälfte – und damit deutlich vor den West-Rivalen TuS 82 Opladen (Elfter/23:37) und Bergische Panther (13./22:38). Ansprüche auf eine noch bessere Platzierung leiten sie daraus in Ratingen nicht ab und das Zauberwort heißt eher Kontinuität. In Frederik Waldbach, Nicolas Heinrichsmeyer, Lennart Schröder, Till Windeck und Noah Megale gehören jetzt fünf Spieler aus der eigenen A-Jugend, die bereits in der vergangenen Saison einige Drittliga-Einsätze hatten, fest zum Kader der ersten Mannschaft. Älter ist das Aufgebot dadurch bestimmt nicht geworden. „Das zeigt, dass unsere Arbeit im Nachwuchsbereich Früchte trägt. Für die Jungs ist das eine tolle Chance, aber auch eine Belohnung für die Leistungen, die sie in den vergangenen Jahren gezeigt haben“, sagt der Sportliche Leiter Stanko Sabljic. Auf die bevorstehenden sportlichen Herausforderungen blickt er mit einer Mischung aus Stolz und Zuversicht: „Das war eine sehr interessante Vorbereitung – viele Trainingseinheiten, viele Gespräche. Wir haben in meinen Augen sehr gut gearbeitet und wir sind eine junge Mannschaft, wir wollen viel Tempo machen. Dann hoffen wir, dass uns das nach vorne bringt. Unser Ziel ist Entwicklung. Wir schauen sehr spannend auf die nächsten Tage, Wochen, Monate und Jahre.“ Dass Interaktiv beim Saisondebüt als Gast des Zweitliga-Absteigers HSG Krefeld Niederrhein der klare Außenseiter ist, braucht ihm keiner zu erklären.

Ebenfalls bereit für die anstehenden Aufgaben ist Aaron Hahn (27), der beim TuS 82 Opladen die Nachfolge von Stefan Scharfenberg als Trainer angetreten und jetzt nach seinem Wechsel vom SC Magdeburg (dort zuletzt mit der A-Jugend Deutscher Meister) eine spannende Doppel-Belastung mit einem besonderen Bezug auch zum TSV Bayer übernommen hat: Neben seiner Chef-Stelle in Opladen besetzt er in Dormagen gleichzeitig die Rolle des Co-Trainers von Julian Bauer beim Zweitliga-Team. Und in diesem Zusammenhang ist der 25. September 2026 besonders interessant, weil die Opladener an jenem Freitagabend um 20 Uhr in der 3. Liga bei der Dormagener Zweiten mit dem Trainerkollegen Peer Pütz antreten. Ein innerer Konflikt? Nicht für Aaron Hahn: „Da bin ich ganz normal der Trainer von Opladen – und ich mache da keine Gefangenen.“ Dass er die „Gegenseite“, deren Coach und viele Spieler etwas besser kennt als andere Konkurrenten, dürfte dabei kein Nachteil für den TuS 82 sein – dem sich Hahn in den Wochen seit seiner Ankunft hier längst mit Leib und Seele verschrieben hat. Eine der Baustellen, die es zu bearbeiten gilt: Die Opladener müssen die Lücke füllen, die ihr über einige Jahre wichtigster Spieler Oliver Dasburg hinterlässt (Karriere-Ende wegen Schulterverletzung). „Wir wissen, dass wir ihn nicht 1:1 ersetzen können“, meint Hahn, „das müssen wir über die Breite hinkriegen. Wir müssen die Last auf mehrere Schultern verteilen.“ Opladens Trainer hätte wenig Zweifel daran, dass sein Team das ganz gut hinbekommt – wenn es denn nicht gerade im Rückraum eine vergleichsweise lange Liste an Verletzten gäbe. Vor dem Start beim TV Gelnhausen stehen darauf etwa Levin Werschkull (Nase gebrochen) und Malte Wolfram (Hand gebrochen).

Grundsätzlich ist Aaron Hahn sehr angetan von seiner zweiten Dienststelle (neben Dormagen). Seine Kurz-Zusammenfassung: „Ich habe eine sehr intakte Mannschaft vorgefunden, die sehr lernwillig ist. Die Rollen verteilen sich sehr gut, die älteren Spieler übernehmen Führungsaufgaben.“ Gemeint sind die Routiniers Markus Sonnenberg (34), Birger Dittmer (31) und Jan Jagieniak (29), die bereits seit einer halben Ewigkeit feste Stützen im Opladener Handball sind – und jetzt mehr denn je gebraucht werden, zumal der TuS 82 erneut vor einer schwierigen Saison steht. „Die Staffel ist sehr stark“, findet Hahn. Ganz vorne sieht er Klubs wie die HG Saarlouis, den TV Gelnhausen und die Krefelder, ein Stück dahinter unter anderem den Longericher SC. Die Rolle der Opladener lässt sich seiner Ansicht nach klar umreißen: „Wir müssen in allen Spielen alles reinhauen.“ Der Plan ist nachvollziehbar und „nur“ auf den sicheren Klassenerhalt ausgerichtet – wobei es gern so früh wie möglich passieren darf. Nach dem Spiel in Kirchzell wissen alle mehr. Ob die Premiere geglückt ist. Ob er einen Anlass zu ultimativer Lobhudelei gibt. Ob der erste Spieltag Lust auf mehr macht. Nicht in irgendeinem digitalen Theater, nicht in irgendeinem verkorksten Programm. Einfach in echt. Auf der Platte.