| 17. September 2026 | Zurück zur Artikelübersicht » |

Der Blick nach vorne: Nicht nur der TV Korschenbroich und sein Trainer Frank Berblinger fragen sich, was vor allem in den ersten Wochen rund um den Saisonstart passieren wird. (Foto: Sven Frank)
Interessant. Sie halten offensichtlich viel davon, eine Tradition daraus zu machen. Die Bereitschaft, für den Kampf um Meisterschaft und Aufstieg zumindest einen kleineren Hut in den Ring zu werfen, verharrt jedenfalls auf einem sehr, sehr übersichtlichen Niveau – Tendenz eher fallend. Marc Schlingensief, der Trainer des Vorjahresdritten HC Weiden, fasst die Dinge vor dem Start in die Saison 2026/2027 am kommenden Wochenende ganz gut zusammen: „Grundsätzlich würde ich sagen, niemand wird sich dieses Jahr wohl die Mütze des Meisterschaftskandidaten freiwillig aufsetzen lassen.“ Jene Kopfbedeckung wäre durchaus zu haben, weil der in der vergangenen Serie am Ende weit vor dem Rest des Feldes ins Ziel kommende TSV Bayer Dormagen II inzwischen in der 3. Liga unterwegs ist und dahinter ein breit formiertes Feld an nahezu gleichauf liegenden Konkurrenten folgte: TV Korschenbroich, Weiden, OSC Rheinhausen, Unitas Haan, HSG am Hallo Essen, TSV Bonn rrh.. Nur vier Punkte trennten damals den Vizemeister Korschenbroich vom Siebten Bonn. Und jetzt scheint es nicht völlig abwegig zu sein, dass Dormagens Nachfolger aus diesem Kreis stammen könnte. Fast alle winken jedoch der Reihe nach ab. Eine Tatsache trotzdem: Auch nach dem letzten Spieltag am 8. Mai 2027 wird die Tabelle einen Spitzenreiter haben. Eine weitere Tatsache: Es gibt keinen Zwang zum Aufstieg. Wer nicht will oder kann, muss nicht.
Weidens Coach Schlingensief führt vor allem personelle Veränderungen dafür an, dass der HC aus seiner Sicht eher nicht zu den Top-Anwärtern auf den Titel gehören dürfte: „Das ist eine interessante These bei insgesamt sieben Abgängen und fünf Neuzugängen, wovon vier noch mit einem enormen Entwicklungspotenzial zu betrachten sind. Es ist von außen betrachtet natürlich möglich, dass wir nach den konstant guten Leistungen der letzten drei Jahre in diese Rolle gerückt werden, aber bei näherem Hinsehen und dem wahrscheinlich größten Umbruch in den letzten acht Jahren wäre diese Anspruchshaltung intern wohl sehr fatal. Wir haben viel Qualität verloren und andere Qualität dazubekommen, wo man einfach in den ersten Wochen der Saison sehen muss, wo die Entwicklung hingeht. Viele Teams hatten viel Fluktuation auf der Platte oder in der Trainerfunktion. Da werden sich meines Erachtens viele Mannschaften erst mal an die Saison rantasten und im Laufe der Zeit konkrete Ziele definieren. Wenn ich zwei Teams für ganz oben benennen müsste, wären es wohl Haan, weil ihr sehr guter Kader fast ausnahmslos zusammengeblieben ist, und der OSC Rheinhausen, die zwar auch einige Wechsel hatten, wo aber ihre letztjährigen Führungskräfte alle noch da sind – und die, die sie geholt haben, den Kader in der Qualität noch mal steigern. Für uns gilt die Devise, in Ruhe schauen, was passiert, und sich Woche für Woche entwickeln als neue Einheit. Die Vorbereitung war weitestgehend gut, aber wie weit wir wirklich sind, sehen wir nach dem sehr anspruchsvollen Auftaktprogramm.“ Weiden beginnt gegen den TV Aldekerk, tritt danach am 26. September in Haan an und am 3. Oktober in Rheinhausen.

Die von Marc Schlingensief genannten Rheinhausener mit dem Trainerduo Sascha Wistuba und Nico Biermann sind mit Einschränkungen immerhin etwas mehr bereit, sich ein wenig aus der Deckung zu wagen: „Wir finden es sehr spannend, dass uns doch von dem einen oder anderen die Favoritenrolle zugeschrieben wird. Uns ist bewusst, dass wir dieses Jahr das Potenzial haben, unter die ersten drei zu kommen. Dafür muss aber bekanntlich jedes Zahnrädchen ineinandergreifen. Unser Ziel ist es, das Ergebnis aus dem letzten Jahr noch einmal zu verbessern und vor allem konstanter in den Leistungen zu werden. Die Vorbereitung lief insgesamt zufriedenstellend. Die Neuzugänge haben sich super integriert, das gesamte Team ist heiß auf den Start. Hier erwartet uns mit der Unitas aber direkt eine schwierige Aufgabe. Die Haaner können aus einem eingespielten Kader schöpfen, sie haben Spielertypen mit viel Erfahrung dabei. Sie haben auch im letzten Jahr bewiesen, dass sie zu den top fünf gehören – und wir sehen sie da wieder dieses Jahr. Und genau deshalb wollen wir hier direkt loslegen und uns zu Hause zwei Punkte sichern. Für uns gehören zu den Favoriten der TV Korschenbroich, Haan, Bonn und Weiden – und sicher ganz oben mit dabei die HSG am Hallo.“
Die Essener, die gegen den Aufsteiger HSG Siebengebirge beginnen, bestehen aber aufgrund einiger personeller Veränderungen auf mehr Zurückhaltung. Der neue Trainer Marvin Wettemann soll in erster Linie den Umbau bewerkstelligen – eher weg von einem durch zahlreiche sehr erfahrene Kräfte geprägten Team hin zu einer stimmigen Mischung aus Routine und Jugend. Ehemalige Stammspieler wie Marijan Basic (40), Kai Bekston (36), Lukas Ellwanger (34), Mathis Stecken (33) und André Bekston (33) sind nicht mehr an Bord. Geblieben sind Simon Ciupinski (37) und Dennis Szczesny (32), neu in der Fraktion der „Alten“ ist Mike Schulz (35) nach sieben Jahren bei der HSG Krefeld Niederrhein. Alle drei zusammen sollen als Führungsfiguren im verjüngten Kader auftreten, dem Wettemann durchaus eine Menge zutraut. Seine Vorstellung von der Arbeit zumindest für den Augenblick: „Wir wollen uns als Mannschaft weiterentwickeln und am Ende eine bessere Mannschaft sein als vorher.“ Unter dem Strich legt Marvin Wettemann seine Tätigkeit eher langfristig an und er ist gleichzeitig davon überzeugt, dass die nächste Saison sowieso sehr anspruchsvoll wird: „Das ist eine spannende Liga. Jeder kann jeden schlagen.“ Gespannt ist er unter anderem auf Rheinhausen und Unitas Haan, auch mit dem TV Korschenbroich und dem TV Aldekerk rechnet er.
Jene Korschenbroicher, in der Vergangenheit durchaus zu den mutigsten Ziel-Formulierungen bereit, üben sich diesmal gleichfalls in Zurückhaltung und sie führen dafür zwei Gründe an. Erstens: Bei vier Abgängen und sieben neuen Leuten gab es einen beachtlichen Umbau. Zweitens: In Mats Wolf, Henrik Schiffmann und Philipp Krüger fehlen aktuell drei Stützen des Teams wegen langwieriger Verletzungen. „Diese drei Jungs sind nicht zu ersetzen“, sagt TVK-Trainer Frank Berblinger, der dafür allgemein mit Einsatz und Leidenschaft beim „neuen“ TVK hervorragend leben kann: „Grundsätzlich bin ich mit der Vorbereitung sehr zufrieden, wobei für mich die Vorbereitung nicht mit dem ersten Spieltag endet, sondern noch weiter fortgeführt wird, da es viel Zeit benötigt, um Abläufe und Automatismen bei der Menge an Neuzugängen wieder zu etablieren. Aber wir sind auf einem guten Weg.“ Die Korschenbroicher hält er gleichzeitig aus allen Überlegungen in Richtung Meisterschaft heraus und sich zugleich alle Optionen offen: „Ein Saisonziel an einem Tabellenplatz festzumachen. ist schier unmöglich und wäre aus meiner/unserer Sicht der falsche Ansatz. Wir werden uns immer wieder kleine Etappenziele stecken und über allem steht die Entwicklung der Mannschaft, mit allen Höhen und Tiefen, die da kommen werden. Wir haben uns extrem verjüngt, was sehr gut ist, aber demzufolge sind Leistungsschwankungen in beide Richtungen das Normalste der Welt. Aktuell würde ich den OSC Rheinhausen und Unitas Haan am stabilsten einschätzen.“
Als einer der größeren Unbekannten geht wohl der TV Aldekerk an den Start, für den die vergangene Saison im ersten Jahr nach dem Abstieg aus der 3. Liga mit Rang zehn und 20:32 Punkten sowie eine Reihe sehr rätselhafter Vorstellungen eine maximale Enttäuschung war – gerade für Trainer Tim Gentges, der sich viel mehr erhofft hatte. Sein Kollege Schlingensief vom Auftakt-Gegner Weiden, bei dem der TVA am Samstag antreten muss, ordnet den Start trotzdem oder gerade deshalb als kompliziert ein: „Der ATV hatte auch nicht so viele Veränderungen im Kader, was sicherlich ein Vorteil ist in diesem Jahr. Letztes Jahr hatten sie noch sehr schwankende Leistungen Aldekerk hat nicht den einen Spieler, auf den man sich fokussieren kann, sondern sie kommen über das Kollektiv mit viel Agilität. In der Abwehr switchen sie je nach Bedarf zwischen offensiv und defensiv und sie haben mit Paul Keutmann einen erfahrenen Keeper im Kasten. Alles in allem ist das eine sehr spannende Aufgabe. Aldekerk hat uns eine von drei Heimniederlagen letztes Jahr verpasst. Dafür würden wir uns gerne revanchieren und mit einem positiven Ergebnis in die Saison starten. Wir sind auf auf jeden Fall heiß und freuen uns, dass wir die Saison mit einem Heimspiel beginnen können.“
Ähnlich starklar sind offensichtlich die Aldekerker, deren Trainer bei allem Ehrgeiz und bei aller Hingabe für den Handball ebenfalls nichts von den ganz großen Ansprüchen hält. „Ich glaube, dass die Leistungsdichte so eng ist wie schon lange nicht mehr“, findet Gentges, „den absoluten Abstiegskandidaten oder den absoluten Meisterschaftskandidaten gibt es für mich nicht. Natürlich, wenn man jetzt die Vergangenheit noch mal betrachtet, darf man den OSC nicht aus dem Auge verlieren, wenn man von der Vergabe des Aufstiegsplatzes oder der Meisterschaft spricht. Der TVK ist auch immer dabei. Das ist löblich und schön, dass man sagt, dass wir auch zu diesem Aufstiegskreis gehören, aber ich sehe uns noch nicht in der Verfassung, um ernsthaft um den Aufstieg mitzuspielen. Natürlich wollen wir eine deutlich bessere Saison spielen als in der letzten beziehungsweise in der Rückrunde. Die Vorbereitung hat sehr viel Spaß gemacht und die macht Mut, die Jungs haben gut gearbeitet. Natürlich sind wir da noch immer noch in der Entwicklungsphase, die Mannschaft hat sich noch mal verjüngt, aber ich sehe einen deutlichen Schritt nach vorne. Es gibt in dieser Liga kein einfaches Spiel und wenn man nicht irgendwie auf 80, 90 Prozent an seine Leistungsgrenze kommt, dann wird man nicht gewinnen können. Das fängt jetzt in Weiden an.“ Vom Auftakt-Gastgeber hält er eine Menge: „Die Halle ist immer sehr laut, die spielen einen sehr guten Handball, einen schnellen Handball, wirklich aufeinander abgestimmt. Das wird ein sehr, sehr happiger Auftakt. Aber dem werden wir uns stellen. Das letzte Spiel in Weiden haben wir gewonnen, aber das letzte Spiel zählt nicht. Es zählt nur das Hier und Jetzt. wir werden uns schön von Woche zu Woche hangeln und wir hoffen auf positiven Saisonstart. Es überwiegt die Freude, dass es jetzt wieder losgeht. Die Jungs sind heiß.“
Komplett in einer anderen Dimension als die für die obere Tabellenhälfte in Frage kommenden Klubs sind andere wie der Aufsteiger TuS Lintorf unterwegs, der am Samstag bereits um 17.30 Uhr gegen die TSV Bonn rrh. antritt und damit so etwas wie die offizielle Saison-Eröffnung in der Regionalliga bestreitet. „Ich glaube, dass wir es schaffen können“, sagt Trainer André Fink, der damit ganz klar den Klassenerhalt meint und nach einem sehr gute Start in die Vorbereitung zuletzt doch immer wieder mit personellen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Ein Vorteil: Der TuS hat nach dem Aufstieg nicht die Bodenhaftung verloren – im Gegenteil. Alle wissen, wo sie herkommen, und alle wissen, wo sie hinwollen. Ans rettende Ufer eben. Hier kommt im Übrigen allen in den Kampf gegen den Abstieg verwickelten Mannschaften ein Umbau in den Durchführungsbestimmungen des Verbandes entgegen, nach denen ein erhöhter Abstieg wie etwa in der Saison 2024/2025 (fünf Klubs mussten runter) im Grunde so gut wie sicher ausgeschlossen ist. Erstens: Der Regel-Abstieg sieht lediglich zwei Teams vor und die Rechnung geht davon aus, dass ein Verein in die 3. Liga aufsteigen wird. Dann könnte die Regionalliga zusammen mit den drei Aufsteigern aus der Oberliga sogar zwei Absteiger aus der 3. Liga Süd-West mit sechs Westklubs vertragen (HSG Krefeld Niederrhein, Longericher SC, Interaktiv.Handball, Bergische Panther, TSV Bayer Dormagen II, TuS 82 Opladen), weil die Klasse im Bedarfsfall von aktuell 14 bis auf maximal 16 Mannschaften aufgestockt würde. Erst ab (unwahrscheinlichen) drei Absteigern aus der höheren Klasse oder einem Verzicht der berechtigten Teams auf den Aufstieg müsste ein dritter Verein aus der Regionalliga in die Oberliga absteigen. Die Lintorfer hoffen – wie andere – sehr, dass sie letztlich über dem Strich stehen. „Vielleicht ist es ein Vorteil, dass uns keiner kennt“, meint Trainer André Fink.
Ein eher alter Bekannter in der Regionalliga ist der BTB Aachen, dessen neuer Trainer Philipp Reinertz nach vielen Jahren beim KTSV Eupen in Belgien dennoch in Aachen nicht richtig neu ist – weil er die Bandits und deren Verhältnisse aus früheren Tätigkeiten als Coach der zweiten Mannschaft und im Jugendbereich kennt und den Kontakt nie verloren hat. „Es ist für mich, als wäre ich wieder nach Hause gekommen“, erklärt der 43-Jährige, der mit den Wochen der Vorbereitung durchaus zufrieden ist: „Wir haben gut gearbeitet.“ Dass der vom Liga-Konkurrenten gekommene Rückraumspieler Gabriel Westhofen ebenso verletzt ausfällt wie Kreisläufer Kai Münster und Keeper Louis Zhagloul, wollen die Aachener im Team auffangen und fürs einzige Saisonziel alles in die Waagschale werfen: „Klar ist, dass es einzig und alleine um den Klassenerhalt gehen kann. Je früher wir das schaffen, desto besser ist es.“ Auf eine Drama-Serie wie 2026/2027, als der BTB bis ganz kurz vor Schluss praktisch mit einem Bein in der Oberliga stand, würden sie jedenfalls im Gillesbachtal gerne verzichten. Anders ausgedrückt: Sie halten offensichtlich nicht viel davon, eine Tradition daraus zu machen. Immerhin: Nach diesem Wochenende wissen alle ein bisschen mehr.