| 16. Oktober 2026 | Zurück zur Artikelübersicht » |

Wir schaffen das! Trainer Marc Schlingensief und seine Weidener sind davon überzeugt, dass ihr leeres Konto über kurz oder lang der Vergangenheit angehören wird. (Foto: Thomas Schmidt)
Es ist eine ziemlich verrückte Welt in der Regionalliga. Mal wieder. Ganz vorne steht nach vier Spieltagen mit 8:0 Punkten und als einziges Team in der Klasse die Borussia aus Mönchengladbach, die in der vergangenen Saison ziemlich viel Mühe hatte im Kampf um den Klassenerhalt und sich bei 19:33 Zählern sowie insgesamt nur sieben Siegen aus 27 Spielen erst auf der Zielgeraden in Sicherheit bringen konnte. Jetzt hat die Mannschaft von Trainer Ronny Rogawska in den ersten vier Spielen 2026/2027 bereits mehr als die Hälfte der Erfolge von 2025/2026 eingesammelt – 32:27 bei der HSG Refrath/Hand, 36:30 gegen den HC Gelpe/Strombach, 36:31 bei der SG Langenfeld, 31:29 gegen den OSC Rheinhausen. Ganz unten steht nach vier Spieltagen als eines von drei Teams, die noch nicht gewonnen haben, der HC Weiden, der in den vergangenen drei Jahren fest zum oberen Drittel gehörte: Vierter, Dritter, Dritter. Vor einer paar Monaten standen auf dem Abschluss-Konto der Weidener bei 33:19 Punkten in der Summe neun Niederlagen und der HC hat jetzt in der neuen Serie bei 0:8 Punkten schon fast die Hälfte davon eingesammelt – 22:23 gegen TV Aldekerk (Sechster/5:3), 27:37 bei Unitas Haan (Siebter/4:4), 22:31 beim OSC Rheinhausen (Zweiter/6:2), 34:35 gegen die HSG am Hallo Essen (Fünfter/6:2). Dass alle Gegner aktuell im oberen Drittel angesiedelt sind, ist wohl eine Erklärung dafür – und die Bestätigung für die Weidener, dass sie entgegen der Einschätzung des einen oder anderen Konkurrenten diesmal wahrscheinlich eher nicht ein Kandidat für ganz weit vorne sind. Trainer Marc Schlingensief hatte es vor dem Saisonstart bereits geahnt: „Das ist eine interessante These bei insgesamt sieben Abgängen und fünf Neuzugängen, wovon vier noch mit einem enormen Entwicklungspotenzial zu betrachten sind. Bei näherem Hinsehen und dem wahrscheinlich größten Umbruch in den letzten acht Jahren wäre diese Anspruchshaltung intern wohl sehr fatal. Für uns gilt die Devise, in Ruhe schauen, was passiert, und sich Woche für Woche entwickeln als neue Einheit. Wie weit wir wirklich sind, sehen wir nach dem sehr anspruchsvollen Auftaktprogramm.“
Zuletzt nach dem 34:35 gegen die HSG am Hallo gab es ja sogar eine klare Meinungsäußerung des Essener Trainers Marvin Wettmann: „Wenn man sich das heutige Spiel von Weiden anguckt, muss man sagen, dass es definitiv keine Mannschaft ist, die mit 0:8 Punkten auf dem letzten Tabellenplatz steht. Sie haben viel Qualität im Team, gerade im Angriff, und zeigen das heute über 60 Minuten immer wieder und machen uns das Leben sehr, sehr schwer. Dem HC Weiden viel Glück, dass ihr Knoten bald platzt, weil die Mannschaft definitiv deutlich mehr Qualität hat, als da jetzt gerade auf dem Papier rauskommt.“ Dass die bevorstehende Aufgabe des HC beim Aufsteiger TuS Lintorf (Zehnter/3:5) aber viel einfacher wird, dürfte kaum zu erwarten sein – was unter anderem daran liegt, dass die Lintorfer vor zwei Wochen mit dem 30:23 über die Aldekerker nachwiesen, wozu sie an einem passenden Tag in der Lage sind. Weidens Trainer Schlingensief, trotz des nicht besonders ertragreichen Starts weit von Hektik entfernt, hofft trotzdem auf eine Wende: „Mit Lintorf wartet ein sehr spannender Gegner auf uns. Sie spielen eine aktive und ballorientierte Abwehr – dahinter mit guten Keepern. Der Angriff ist auch auf viele Schultern verteilt, wobei hier vorrangig Nico Reinartz das Zepter in der Hand hat. Hier wird also wieder eine schwierige Aufgabe auf uns zukommen. Der Gegner muss uns zum jetzigen Zeitpunkt aber egal sein und wir müssen die PS, die wir defintiv haben und im letzten Spiel größtenteils gezeigt haben, auf die Platte bekommen. Grundvoraussetzung dafür ist, dass wir mutig und voller Einsatzbereitschaft auch in ein Auswärtsspiel gehen. Das Team ist jedenfalls voll motiviert und wird alles für die Punkte geben.“

Ebenfalls erstaunlich nach dem jetzigen Stand der Dinge: Dem Weidener Nachbarn BTB Aachen geht es im Moment auf dem neunten Platz bei 4:4 Punkten deutlich besser als dem Lokalrivalen. Das Team von Trainer Philipp Reinertz ging auswärts zweimal klar leer aus, konnte aber zweimal zu Hause gewinnen – 30:37 beim TV Korschenbroich (Vierter/6:2), 33:25 gegen HSG Refrath/Hand (Zwölfter/2:6), 29:42 beim HC Gelpe/Strombach (Achter/4:4), 32:30 gegen die SG Langenfeld (13./0:8). Falls es nach Reinertz geht, sind die Aachener nun im dritten Auswärtsspiel noch lange nicht chancenlos, obwohl sie dazu ausgerechnet in Mönchengladbach antreten müssen und entsprechend viel Respekt vor der Borussia mitbringen: „Wir stehen vor einer schwierigen Aufgabe. Die Gladbacher haben derzeit einen Lauf und spielen ihre Spiele sehr routiniert und souverän zu Ende. Sie wissen um ihre Stärken und haben derzeit in den entscheidenden Phasen immer gute Lösungen. Sie stehen deshalb völlig verdient an der Tabellenspitze. Wir werden die Punkte aber keinesfalls widerstandslos in Gladbach lassen. Wir werden versuchen, Gladbach maximal zu fordern und dann mit der einen oder anderen Anpassung vielleicht auch ins Grübeln zu bringen. In der Vorbereitung müssen wir uns sicherlich vorrangig auf unsere Abwehr konzentrieren. Finden wir defensiv Stabilität, ist auch auswärts alles möglich. Unsere Kadersituation entspannt sich weiter, sodass uns wieder mehr Möglichkeiten zur Verfügung stehen.“
Wohin der Weg des TV Aldekerk in dieser Saison wirklich führt, könnte die Aufgabe bei der HSG Refrath/Hand zeigen. Den Nackenschlag vom 3. Oktober mit der 23:30-Pleite beim Klassen-Neuling Lintorf scheint das Team von Trainer Tim Gentges schnell überwunden zu haben und jüngst gab es ja ein bemerkenswertes 25:24 gegen Korschenbroch in einem Werbespiel für den Handball wieder ganz andere Aldekerker zu sehen. Gentges selbst wird zwar nicht an Ort und Stelle erleben, wie sich der TVA aus der Affäre zieht, weil er aus privaten Gründen nicht anwesend sein kann, doch er wird diese Einschätzung von Co-Trainer Nils Wallrath zu hundert Prozent unterschreiben: „Wir wollen auf jeden Fall den Rückenwind vom Korschenbroich-Spiel aufnehmen und uns gegen die Refrather durchsetzen, die sicherlich schon wieder ein wenig unter ihren Möglichkeiten stehen. Das ist eine gute, eingespielte Truppe mit individuell starken Spielern. Aber wir müssen uns mal aus unserer Komfortzone rausbewegen, jetzt mal gegen von der Tabelle her vermeintlich schwächere Mannschaften zwei Punkte holen und das Lintorf-Spiel dann vollends vergessen machen. Wir haben gemerkt, dass wir keine Mannschaft sind, die auf Verwalten spielen kann. Wir müssen immer versuchen, hundert Prozent zu erreichen. Unsere DNA ist linke Spur, Vollgas-Handball – und der muss zumindest in weiten Teilen des Spiels auch in Refrath an den Tag gelegt werden. Dann bin ich guter Dinge, dass wir Refrath schlagen können.“
Besonders laut dürfte das Herz des Handballs an diesem fünften Spieltag im Ruhrgebiet schlagen, denn der bis zum 29:31 in Mönchengladbach ungeschlagene OSC Rheinhausen erwartet die HSG am Hallo Essen, die bei zwei Siegen und zwei Unentschieden bisher immer noch nicht verloren hat. Punkt eins: Die inzwischen zweimal hintereinander und zuletzt in Weiden siegreichen Essener bemühen sich um Bodenhaftung. „Wir sind sehr froh über den Auswärtssieg“, sagt Trainer Marvin Wettemann, „haben aber für die kommende Woche auch wieder einige Aufgaben, an denen wir arbeiten müssen, um stabiler zu stehen in der Abwehr. Das Ganze werden wir angehen und dann gucken wir, dass wir in der nächsten Woche wieder alles aufs Parkett legen, um unsere Form, die wir uns gerade so ein bisschen erarbeiten, weiter zu bestätigen.“ Punkt zwei: In Rheinhausen löste die Niederlage in Mönchengladbach keine Begeisterung aus, aber aus der Bahn werfen wird sie den OSC eher auch nicht. Dessen Coach Sascha Wistuba hat klare Vorstellungen: „Mit der HSG am Hallo erwartet uns ein dickes Brett. Sie haben sich von Spiel zu Spiel gefunden und bringen sehr viel Erfahrung auf die Platte. Wenn wir unsere Fehler minimieren und das Tempospiel aufziehen können, haben wir eine realistische Chance, zwei Punkte zu holen. Wir wollen unsere Heimstärke weiter ausbauen und mit einer engagierten Leistung oben dranbleiben.“Die Gastgeber werden definitiv versuchen, mit der besten Abwehr in der Regionalliga (100 Gegegntore/25 pro Spiel) den zweitbesten Angriff der Klasse (132/33 pro Spiel) in den Griff zu bekommen.
Die Frage nach der Richtung stellt sich auch dem TV Korschenbroich gegen Unitas Haan, der TSV Bonn rrh. (Dritter/6:2) in Langenfeld und der HSG Siebengebirge (Elfter/2:6) beim HC Gelpe/Strombach. Für Korschenbroichs Trainer Frank Berblinger liegt das Ziel nach dem 24:25 in Aldekerk auf der Hand: „Wir wollen es diesmal wieder besser machen und die Niederlage wiedergutmachen. In Kerken hatten wir auch wieder viele gute Situationen dabei. Nun wollen wir in unseren Flow und die Erfolgsspur zurückkehren.“ In jene Erfolgsspur müssen die Bonner gar nicht zurückkehren, weil sie die in dieser Saison noch gar nicht wirklich verlassen haben mit dem 31:27 in Lintorf, dem 29:32 gegen Korschenbroich, dem 33:30 in Refrath/Hand und dem 36:27 gegen den HC Gelpe/Strombach. Was sich die TSV für den Auftritt in Langenfeld erhofft, ergibt sich von selbst. Dass der Tabellenletzte davon wenig hält, allerdings auch.