Harz beiseite
Jamal Naji: Politikwissenschaftler erobert Bundesliga
Der gebürtige Bad Honnefer wird Trainer bei TuSEM Essen. Sein Herz hängt auch noch am Siebengebirge.

Der Aufsteiger: Jamal Naji hat mit dem Vertrag in Essen und dem Aufstieg in die Bundesliga fast den Olymp der Handball-Trainer erreicht. (Foto: Thomas Schmidt)

Es ist irgendwie eine märchenhafte Karriere. Die einzige Einschränkung: Jamal Naji legt wenig Wert auf besonders viel Trubel um seine Person. Auch eine Ein-Mann-Show braucht Jamal nicht, weil er die Arbeit anderer zu schätzen und deren Wert einzuordnen weiß. Was der 33-Jährige aber auf jeden Fall ist: Handballer aus ganzem Herzen, aus voller Überzeugung und voller Leidenschaft. Mehr oder weniger heimlich, still und leise hat sich da einer auf seine ganz besondere Art in die oberste Etage der deutschen Trainer geschlichen. Jamal Naji, der offiziell in der abgebrochenen Saison 2019/2020 noch als Jugend-Koordinator und A-Jugend Trainer beim Zweitligisten TSV Bayer Dormagen unter Vertrag steht, bricht auf zu neuen Ufern. Er konnte dem Interesse eines Traditionsvereins nicht widerstehen und wird Trainer bei TuSEM Essen – der zum Zeitpunkt der Einigung noch Zweitligist war und inzwischen als Zweiter gemeinsam mit dem Ersten HSC 2000 Coburg in die Bundesliga befördert wurde. Mehr als nur ein bisschen ist Jamal Naji erstaunt, was gerade passiert – weil das früher weit außerhalb seiner Vorstellungswelt lag: „An so etwas habe ich ganz und gar nicht gedacht. Im Gegenteil: Ich hätte es eigentlich ausgeschlossen. Ich bin da so reingerutscht.“

Der Heimatverein des in Königswinter aufgewachsenen gebürtigen Bad Honnefers mit marokkanischen Wurzeln ist die HSG Siebengebirge. Dort hat er auch gespielt – auf der Rückraum-Mitte, wo die Fäden gezogen werden. Die aktive Laufbahn endete nach Stationen in der 3. Liga beim TuS Niederpleis, der HSG Römerwall und in Mülheim-Kärlich relativ früh wegen einer schweren Verletzung – was den Spieler Naji natürlich hart traf, aber mitnichten aus der Bahn warf. Nach insgesamt 13 Jahren als Spieler, Trainer und Jugendleiter im Siebengebirge wechselte Jamal Naji im Sommer 2015 an die Akademie des VfL Gummersbach, wo er die Verantwortung für die U 17 übernahm. Sein handballerisches Wissen, seine Fähigkeiten im Umgang mit jungen Leuten, seine intelligente Art der Kommunikation hatten sich längst herumgesprochen und waren unter anderem den Dormagenern bekannt. Der Zweitligist gewann Naji Im Juni 2017 für sich. Es wurde eine drei Jahre dauernde Zusammenarbeit, von der beide stark profitierten.

Ich erkläre es euch: Auch Spielmacher Bastian Willcke (Nummer 18) profitierte mit der HSG Siebengebirge zuletzt vor einem Jahr von den Tipps des Trainers Jamal Naji. (Foto: Thomas Schmidt)

Jamal Naji ist in der kommenden Saison mit 33 nicht der jüngste Trainer in der deutschen Eliteklasse. Dieser „Titel“ geht an einen Kollegen, den er gut kennt und mit dem er gerade jetzt einen ziemlich intensiven Austausch pflegt: Jaron Siewert. Das ist Najis Vorgänger in Essen, der zurück zum Hauptstadtklub Füchse Berlin geht, in deren Mini-Mannschaft er einst die ersten handballerischen Schritte unternahm. Sein TuSEM-Nachfolger Naji darf auf der anderen Seite mit Fug und Recht als der Bundesliga-Coach mit dem ungewöhnlichsten Hintergrund gelten: Jamal wäre beruflich nicht unbedingt auf den Handball angewiesen, weil er an der Uni Bonn erfolgreich ein Studium der Politikwissenschaft und Geschichte abgeschlossen hat. Nach dem Bachelor hat er den Master drangehängt und anschließend als Wissenschaftlicher Mitarbeiter weitergemacht – das alles nicht aus purem Vergnügen, sondern durchaus mit einem ernsthaften Hintergrund. Zusammengefasst: Es wäre theoretisch denkbar, zu diesen Ursprungs-Ideen zurückzukehren. Danach sieht es im Moment allerdings überhaupt nicht aus.

Im Winter 2018 löcherte ihn die sportlich stark unter Druck stehende HSG Siebengebirge, vorübergehend als Trainer für die Regionalliga-Mannschaft einzuspringen. Naji, in Dormagen nicht mit wenig Arbeit versorgt, holte sich die Erlaubnis seines Arbeitgebers ein und half den alten Freunden um den Sportlichen Leiter Sebastian Hoffmann in der Not aus. Im Trainer-Duo führten Naji und Hoffmann die HSG nach 6:20 Punkten aus der ersten Serie zu einer viel besseren Rückrunde sowie mit unter dem Strich 21:31 Zählern zu Rang neun und dem Klassenerhalt. Keine Überraschung: Jamal Naji hatte trotz der hohen zeitlichen Belastung viel Freude am Unternehmen Siebengebirge. Weil er beide Seiten kennt, ist im Übrigen sein Vergleich zwischen Dormagens A-Jugend und der Männer-Regionalliga umso spannender: „Die Jugend-Bundesliga ist noch mal eine andere Herausforderung. Die Jungs trainieren da ja etwa acht Mal pro Woche. Das ist technisch und taktisch deutlich komplexer.“ Eine Ahnung hatte der geschichtskundige Politik-Wissenschaftler Naji da wohl längst, dass seine berufliche Zukunft zumindest für die nächsten Jahre ganz im Handball liegen würde. Spätestens seit der Unterschrift unter den Vertrag in Essen drückt er es so aus: „Ich habe Blut geleckt.“

Der Nachdenkliche: Jamal Naji ist ein Freund davon, eine Mannschaft im Spiel möglichst schnell auf neue Gegebenheiten einzustellen und die Taktik entsprechend anzupassen. (Foto: Thomas Schmidt)

TuSEM wird die kommende Saison mit einer unglaublich jungen Mannschaft in Angriff nehmen. „Wir haben einen Altersschnitt von 22,29 Jahren“, sagt Jamal Naji. Gerade deshalb dürfte die neue Stelle wie maßgeschneidert für einen wie ihn sein, den die Arbeit mit Handball-Talenten extrem reizt. Die dürfen sich schon mal darauf einstellen, dass ihr künftiger Coach trotzdem oder gerade deswegen besonders hohe Ansprüche stellt und den mitdenkenden Spieler fordert. Ein Beispiel ist die Abwehrarbeit: „Wir müssen verschiedene Systeme beherrschen.“ Bei Bedarf soll Essen von 6:0 auf 5:1, 4:2 oder sogar 3-2-1 umstellen können – situationsabhängig und möglicherweise von jetzt auf gleich. Je flexibler TuSEM aufzutreten vermag, desto größer wird vermutlich die Chance sein, sich im Haifischbecken Bundesliga zu behaupten. Und Angst vor den großen Namen, die da demnächst auf ihn zukommen? Kennt Naji nicht. Es warten unter anderem der THW Kiel, die SG Flensburg-Handewitt und die Rhein-Neckar Löwen – eben das Beste vom Besten, das der deutsche Handball zu bieten hat. „Wir werden nicht in Ehrfurcht erstarren“, betont Naji, „ich freue mich unglaublich darauf, in diesen Hallen und gegen diese Mannschaften zu spielen.“

Jamal Naji ist aus dem Siebengebirge ausgezogen und er hat mittlerweile die große Handball-Welt erobert – obwohl er keinerlei medial wirksame Werbung in eigener Sache betreibt: „Ich habe mich nie irgendwo angeboten.“ Das wiederum passt zu seiner allgemeinen Lebenseinstellung, in der die nächsten zehn oder 20 Jahre nicht bis ins Kleinste feststehen müssen: „Ich bin kein Mensch, der da unbedingte Planungssicherheit braucht. Wenn ich von etwas überzeugt bin, mache ich das.“ Die Berufung Handball zum Beruf machen zu dürfen, sieht er als echtes Privileg an. „Deshalb bleibe ich demütig“, betont Naji. Er hofft, dass es nach der coronabedingen Pause nach dem Sommer wieder – wie geplant – mit dem Bundesliga-Handball im Kampf um Punkte losgehen kann. Spätestens dann, wenn TuSEM aus den Katakomben der Halle (welche auch immer das sein mag) aufs Feld kommt, ist das Handball-Märchen des Jamal Naji wahr geworden. Wir nehmen Wetten an: Er schafft das. Eine Ein-Mann-Show braucht er dafür trotzdem nicht.