3. Liga Nord-West
Die Mutprobe: Leichlingen wagt den LTV 3.0
Das Aus aus finanziellen Gründen schien besiegelt zu sein - womit sich viele nicht abfinden wollten. Nun geht es mit neuen Leuten und altem Trainer weiter: Lars Hepp bleibt.

Aufbruchstimmung: Abteilungsleiter Ralf Meier, der neue Sportliche Leiter Elmar Müller, Torhüter David Ferne, Vorsitzender Martin Hasenjäger und der neue Geschäftsführer Philipp Bracht (von links) erläuterten am Mittwoch die Rahmenbedingungen, unter denen der LTV das Abenteuer 3. Liga fortsetzen möchte. (Foto: Thomas Ellmann)

Der Text stammt aus der Automobilwerbung der 1990er-Jahre: Nichts ist unmöglich. Beim Leichlinger TV haben sich vor Kurzem offensichtlich ein paar dem Handball Verbundene daran erinnert. Deshalb gehen sie das ein, was manche für eine Art Himmelfahrtskommando halten dürften: Sie wollen die Vergangenheit abhaken, nach vorne schauen und den Drittliga-Handball des LTV bewahren. Irgendwie. So viel Blick zurück muss trotzdem sein: Leichlingen, einst immer in der Spitze der Klasse zu Hause, kämpft seit knapp zwei Jahren gegen einen (finanziellen) Abwärtstrend und erlebte vor etwas mehr als einem Monat den bisherigen Tiefpunkt – als die Marketing-Gesellschaft PIMA die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens beantragte. Es schien das Aus zu sein, weil jene Gesellschaft für das finanzielle Gerüst rund um die Mannschaft und die Spieler-Verträge zuständig war. Obwohl die Lizenz für die 3. Liga weiter beim Hauptverein LTV blieb, schien das Aus des Handballs zumindest in der 3. Liga besiegelt zu sein. Im Hintergrund begann kurz darauf allerdings der Kampf, das Unheil abzuwenden. Bis zum Wochenende wäre Zeit gewesen, gegenüber dem DHB ohne weitere Sanktionen den Rückzug zu erklären. Seit Mittwoch-Nachmittag ist klar: Dazu wird es nicht kommen. In Leichlingen wird tatsächlich auch in der kommenden Saison 2020/2021 Drittliga-Handball gespielt. Dazu haben viele LTV-Freunde rund um Abteilungsleiter Ralf Meier die Köpfe zusammengesteckt, alle Steine noch einmal umgedreht und nach dringend erforderlichen finanziellen Quellen geforscht. Am Ende stand dieses Ergebnis: „Wir schaffen das.“ Vieles ist neu, aber nicht alles. Und manche Neue sind in Wirklichkeit eher alte Bekannte – wie Elmar Müller. Der Solinger mit einer LTV-Vergangenheit als Trainer bei der Ersten und bei der Zweiten übernimmt die Aufgabe des Sportlichen Leiters. In dieser Position muss er zwar noch ein neues Team aufbauen, aber wenigstens keinen Chefcoach mehr suchen: Diese Stelle übernimmt/behält Lars Hepp, der den Deal mit Müller sogar eingeleitet hat.

Bei der offiziellen Vorstellung des Projekts LTV 3.0 fehlte Hepp aus terminlichen Gründen, aber seine Aufgaben-Beschreibung spricht sowieso für sich. Er muss einen Kader zusammenbauen, aus dem sich bislang sicher in Maik Schneider, Lars Jagieniak (beide zur HSG Krefeld) und Alexander Senden (TSV Bayer Dormagen) drei wesentliche Stützen verabschiedet haben. Schneider war im rechten Rückraum in der coronabedingt abgebrochenen Saison der beste Feldtorschütze (ohne Siebenmeter) in der 3. Liga und Senden, am Anfang der Saison verletzt ausgefallen, deutete später im linken Rückraum mehr als nur einmal seine Qualitäten an. Zu denen, die an Bord bleiben, gehört David Ferne. Der Torhüter nennt einen einfachen Grund dafür: „Für mich war das Thema Leichlingen eigentlich durch. Dann habe ich mir in einem Gespräch mit Lars Hepp und Elmar Müller angehört, wie sie sich das vorstellen. Und jetzt bin ich beeindruckt, was hier in den vergangenen Wochen bewegt worden ist. Ich bin der festen Überzeugung, dass sich hier etwas aufbauen lässt. Ich freue mich, dass ich demnächst  in mein fünftes Jahr für den LTV gehe.“

Bereit zu neuen Taten: Lars Hepp wird die Leichlinger weiter als Trainer ins nächste Abenteuer führen. (Foto: Thomas Ellmann)

Eines der Probleme bei der Detail-Planung: Neue Verträge mit Spielern kann/soll/darf nur eine neue „Spielbetriebs-GmbH“ abschließen – die in Vorbereitung ist, jedoch noch nicht amtlich besiegelt. Deswegen halten sie in Leichlingen die Namen derjenigen, die ihre Bereitschaft zum Mitmachen bekundet haben, auch noch bis in die nächste Woche zurück. 13 sollen es sein – mit Ferne an der Spitze, der in zahllosen Gesprächen mit den alten Teamkollegen viel Entscheidungsarbeit geleistet habe. Dass es ohne eine entsprechende Folge-Gesellschaft für die einstige PIMA nicht mit dem Handball weitergegangen wäre, stand für Martin Hasenjäger, den Vorsitzenden des Gesamtvereins LTV, immer fest: „Wir haben zur Bedingung gemacht, dass eine Vermarktungsgesellschaft da sein muss. Wir müssen das fiskalisch professionell abwickeln.“ Heißen soll das Ganze „LTV Leichlinger Handball GmbH“ – eine Art doppelter Boden für den Gesamtverein, der die mit einem Drittliga-Konstrukt verbundenen Risiken im Interesse der Breitensportler nicht übernehmen kann und will. Weitere Bedingung, ohne die nichts geht: Die Handballer aus der 3. Liga sollen künftig wieder verstärkt ein Teil des großen Ganzen Leichlinger TV sein.

Elmar Müller brauchte sich nicht lange bitten zu lassen. Rund 20 Jahre sind vergangen seit dem Einstieg bei der Ersten und etwa zehn seit dem späteren Einstieg bei der Zweiten, doch geblieben sind jede Menge Kontakte. Deshalb stieg der Handball-Verrückte, der bis zum Ende des Jahres 2019 den Solinger Oberligisten TSV Aufderhöhe trainierte, dann dort sein Amt niederlegte und aktuell für den Landesligisten HSG Velbert/Heiligenhaus zuständig ist, mit seinem ganzen Wissen in Leichlingen ein – als Teil eines wachsenden Teams, das sich vor gut zwei Wochen darauf verständigte, das Abenteuer 3. Liga tatsächlich einzugehen. „Wir sind inzwischen viele Leute“, betont Müller, „dadurch ist die Arbeit für jeden Einzelnen von uns überschaubarer.“ Zu beackern sind allerdings riesige Themenfelder, weil alleine die weitere Suche nach Geldgebern und spielendem Personal in der aktuellen Lage noch schwieriger ist als sonst. Ganz nebenbei: Die Leichlinger sind natürlich spät dran. Gleichzeitig wissen sie beim „neuen“ LTV-Handball noch sehr genau, dass der „alte“ LTV-Handball zunächst über weite Strecken der Saison Mühe hatte, den Kampf um den Klassenerhalt zu meistern. Und „alt“ stimmt irgendwie sowieso nicht: Hepp hatte ja erst vor gut einem Jahr den Auftrag bekommen, den Kader aufgrund knapper werdender finanzieller Ressourcen umzubauen. Dass es diesmal kaum einfacher wird, sondern eher doppelt schwierig, ist den Verantwortlichen klar. Und dass sie es trotzdem probieren, ist immerhin ein Etappensieg. Das Projekt ist mutig. Und vielleicht nichts unmöglich.