1. Bundesliga
Rollentausch: BHC das bessere Gummersbach
Der leidenschaftliche und doch coole Bergische HC holt sich mit dem 33:27 viel Selbstbewusstsein - und gibt die Ergebniskrise an den VfL weiter.

Das sind wir wieder! Für den Bergischen HC kam der verdiente Erfolg in Gummersbach genau zum richtigen Zeitpunkt. Mads Andersen, Trainer Jamal Naji, Tim Nothdurft, Aron Seesing und Isak Persson (von links) ahnten das gute Ende schon vorzeitig. (Foto: Thomas Wirczikowski)

Krasser konnten die Gegensätze kaum sein. Hier standen die Gummersbacher, die es eher gewohnt sind, in der Schwalbe-Arena ein Handballfest zu begehen – und den Abend mit völlig leeren Händen beendeten, obwohl sie nicht nur insgeheim auf zwei weitere Punkte und den Konto-Ausgleich auf 5:5 Zähler gehofft hatten. Dort stand der Bergische HC, der auf dem Weg zu den bisherigen 0:8 Punkten mindestens drei heftige Nackenschläge hatte einstecken müssen – mit den Ein-Tore-Niederlagen beim ThSV Eisenach (30:31), gegen HBW Balingen-Weilstetten (27:28) und beim HC Erlangen (27:28). In der Addition mit dem 30:34 gegen die Füchse Berlin, trotz einer klaren Steigerung nicht zu vermeiden, drohte dem Team von Trainer Jamal Naji vor allem mit dem Blick auf die kommenden Wochen plötzlich höchstes Ungemach. Die Wirklichkeit zeigte dann aber völlig vertauschte Rollen: Der BHC, gleichzeitig leidenschaftlich und kühl-konzentriert, beherrschte drei Viertel des Abends – und ging deshalb als verdienter 33:27 (16:12)-Sieger vom Platz. Die Gäste boten in der Summe eine in allen Belangen klassentaugliche Leistung und die Arbeit des Pakets aus Torhüter Peter Johannesson und seiner zupackenden Abwehr davor genügte sogar höheren Ansprüchen. Johannesson war zwar nicht der alleinige Matchwinner, allerdings sicher der überragende Mann des Spiels: Der Schlussmann zeigte unter dem Strich 19 Paraden und er erreichte damit eine Traumquote von 42,22 Prozent an gehaltenen Würfen. Klar, dass der BHC den Sieg ausgiebig genoss und darin eine Art Befreiungsschlag sah. „Wir sind unglaublich glücklich mit den zwei Punkten und dem Sieg sowie mit der Art und Weise, wie er zustande gekommen ist“, fand Naji. VfL-Kollege Gudjon Valur Sigurdsson wirkte eher nachdenklich: „Es ist schwer, hier zu sitzen. Es tut mir leid für die Jungs, die sehr viel investiert haben und sich viel vorgenommen haben. Wir haben gut angefangen, aber vielleicht habe ich die Niederlage ein Stück weit eingeleitet durch die glorreiche Idee, mit sieben gegen sechs zu spielen.“ Der Versuch, den siebten Feldspieler einzusetzen, ging zwar tatsächlich ziemlich daneben – doch es war nur ein Mosaikstein auf dem Weg der Gummersbacher in eine bittere Pleite.

Die Hoffnungen des VfL trugen genau zehn Minuten, nachdem er das 0:1 (1.) rasch umgedreht hatte und beim 7:5 (11.) von Milos Vujovic auf einem guten Weg zu sein schien. Was auf der Bank der Gummersbacher und bei den Fans der Hausherren vermutlich undenkbar war: Für die nächsten fast sechs Minuten gab es keinen eigenen Treffer mehr und ab dem 7:7 (13.) fand der Bergische HC immer mehr Gefallen an der Auseinandersetzung. Dass das 9:9 (18.) von Dominik Mappes fünf Minuten darauf der letzte Ausgleich des VfL sein sollte, konnte/wollte sich in diesem Moment noch niemand richtig vorstellen. Auf der anderen Seite machte der BHC hinten weiter dicht und er nutzte vorne die sich besonders in der Deckungsmitte der Hausherren regelmäßig auftuenden Lücken konsequent aus. In der Konsequenz kam Gummersbach nie mehr näher als auf jenes 11:12 (24.) von Kapitän Julian Köster heran, der im Übrigen wie viele seiner Mitspieler weit unter dem besten Niveau blieb. Und das erreichte Sigurdssons Mannschaft auch in der zweiten Halbzeit trotz der zunächst erkennbaren Bereitschaft, sich gegen das drohende Unheil zu wehren, nicht mehr. Der BHC beantwortete unbeeindruckt jeden Versuch des Gegners und er legte meist fünf Tore Differenz vor – 17:12 (33.), 20:15 (40.), 24:19 (43.), 26:21 (48.). Auf der Zielgeraden schien es mit dem 30:22 (53.) noch einmal bitterer für chancenlose Gummersbacher zu werden, die letztlich selbst in der Höhe verdient mit 27:33 den Kürzeren zogen. Wie groß Enttäuschung und Ratlosigkeit in der „Heimat des Handballs“ waren, zeigten im Übrigen die letzten Minuten der längst entschiedenen Partie – als durchaus nicht wenige Fans der Hausherren vorzeitig die Halle verließen.

Das Ergebnis machte sich logischerweise in der Tabelle bemerkbar – doch es lässt auf der anderen Seite keine tiefgreifenden Schlussfolgerungen für die nächsten Wochen zu. Der nun gestärkte BHC nimmt auf Rang 17 zwar weiterhin einen der beiden Abstiegsränge ein, konnte sich durch den ersten Saisonsieg aber auf 2:8 Punkte verbessern und den Kontakt zur Konkurrenz davor halten. Gleichzeitig war der Sieg wichtig fürs Vertrauen in die eigenen Qualitäten und Selbstbewusstsein wird Najis Mannschaft besonders in der nahen Zukunft brauchen: Gegen den Pokalsieger Rhein-Neckar Löwen (23. September), bei der SG Flensburg-Handewitt (28. September) und gegen den aktuellen Spitzenreiter MT Melsungen (7. Oktober) steht der BHC erneut vor größeren Herausforderungen – in denen er für ein ordentliches Abschneiden erneut eine Leistung nahe am Optimum abrufen muss. Gefühlt in jenem Tal, dass der Gegner gerade verlassen hat, befinden sich wenigstens für den Moment die Gummersbacher, denen mit dem 30:27 vom ersten Spieltag gegen den TBV Lemgo Lippe erst ein Erfolg gelang. Die folgende Ausbeute von 1:7 Punkten (Rang 13) muss den VfL ein bisschen irritieren, zumal er dabei zweimal in der Schwalbe-Arena antreten konnte. In welche Richtung die Dinge demnächst laufen, dürften die folgenden vier Aufgaben zeigen – beim TVB Stuttgart (Platz 14/25. September), gegen den HC Erlangen (Zehnter/28. September), beim einen Aufsteiger HBW Balingen-Weilstetten (Neunter/7. Oktober) und gegen den Zweiten ThSV Eisenach (Siebter/13. Oktober). Eine längere Fortsetzung der Durststrecke darf sich der VfL – inzwischen mit seinen 3:7 Zählern bloß noch einen Punkt besser als der BHC – vermutlich nicht leisten, weil er sonst für einen größeren Zeitraum in der unteren Hälfte festsitzen könnte. Und das würde endgültig gar nicht mehr zu den eigenen Ansprüchen im Jahr zwei nach der Rückkehr in die 1. Bundesliga passen.

 

VfL Gummersbach – Bergischer HC 27:33 (12:16).

VfL Gummersbach: Rebmann, Ivanisevic – Vidarsson (3), Kodrin (2), Vujovic (2/1), Köster (4), Blohme (4), Häseler, Schluroff, Tskhovrebadze (1), Mappes (3), Pregler (2), Horzen (3), Kiesler, Jansen (3), Zeman.

Bergischer HC: Rudeck, Johannesson – Beyer (4/1), Persson, Nothdurft, Weck, M’Bengue (5), Ladefoged (5), Andersen, Fraatz (7), Babak (2), Arnesson (2), Morante Maldonado (2), Stutzke (3), Santos (1), Seesing (2).